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Baden im Wald

Waldbaden in Chemnitz

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Waldbaden ist Trend und bedeutet Natur als Hygiene für die seelische Gesundheit. Reporterin Katka Schade ging unter Führung von Biologin Martina Keitel und mit drei weiteren Teilnehmern vier Stunden im Rabensteiner Wald baden. Ohne Wasser.

Sonntagmorgen, zehn Uhr: der Wochentag, an dem sonst der persönliche Rekord des Langschlafens und Faulseins zu knacken versucht wird. Stattdessen: Vögel zwitschern wild durcheinander, das Wasser plätschert im Bach von einem Stein auf den anderen. Der Geruch des saftigen Bodens streicht um die Nase: Es riecht nach Milliarden von Mikroben in der Erde. Das tut gut. „Wir fühlen uns per se in der Natur wohl, weil sie uns die Lebensgrundlage gegeben hat“, erklärt die 60-jährige Gewässerbiologin Martina Keitel, die in ihren Kursen nur Martina genannt werden möchte. Wir tragen ein Urgefühl in uns, das vom Sprint des Fortschritts verschüttet ist, sagt sie. Aber der Wald soll das wieder zutage fördern. Eine Kursteilnehmerin lässt sich ganz darauf ein, sie weint. Sich auf die Natur zu konzentrieren bedeutet auch, sich seines Selbst bewusst zu werden. Studien beweisen, dass Waldaufenthalte antidepressiv und stressreduzierend wirken, dass Immun- und Herz-Kreislauf-System stärken.

Martina, die sich aktuell zur Waldtherapeutin ausbilden lässt, erzählt von einer inneren Taktung im Alltag, die wir gelegentlich ablegen sollten. Besonders das „Aufkommen des Computers, des Handys – der ganzen digitalen Aktion – setzt den Menschen und sein Funktionieren im Alltag unter Druck“, erklärt die Naturführerin. Das kennen viele nur allzu gut: Der Gedanke an das Handy lässt die Atmung schneller werden, die Pulsfrequenz steigen. Unser Nervensystem sei nicht dafür geschaffen, viele Dinge gleichzeitig zu machen. „Kein Mensch kann zwei Gedanken gleichzeitig denken“, sagt Martina. Und auf Dauer könnten wir die Einflüsse der Beschleunigung nur wenig verkraften.

Beim Waldbaden geht es um Achtsamkeit, darum, Dinge zu bemerken, die einem sonst entgleiten: Lange schauten die Teilnehmer hoch in die Baumkronen, wo sich Blätter in unterschiedlichen Farbtönen überlagerten. Die sonntägliche Müdigkeit war schnell verflogen – damit auch die Zeit. Und Gedanken, die zuvor Knoten im Kopf bildeten, lösten und sortierten sich oder versanken im Erdboden. Danach barfuß durch den Wald laufen und Tannenzapfen sammeln. Jede sah anders aus: schrumpelig, verkohlt, befallen, eingedrückt, matschig, zerbröselt, gebrochen.

Erschöpfung ist nach vier Stunden intensiven Waldbadens zu erwarten, macht aber eher nach „Bäume pflanzen“ zumute. Am nächsten Morgen jedoch, dreht sich das Gedankenkarussell weiter. Zeit, die Walddosis zu erhöhen.

Text & Foto: Katka Schade

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