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Nina zerreißt einen Geldschein

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Was verbirgt der geheimnisvolle Riesen-Tetris-Stein an der Zschopauer Straße?

Wenn man vom Park der O.d.F., der von coolen Kids ausschließlich in dieser Abkürzung ausgesprochen wird, stadtauswärts läuft, fällt ein Gebäude auf. Wie ein großes Tetris-Element steht es da, als ob man es von oben ins Stadtbild geworfen hätte. Tetris-Looser, dieser Baustein passt hier so gar nicht hin. Vielleicht ist es eine Geheimdienstzentrale, es wirkt still, steril und bedrohlich.

Als ich nun, von meiner Neugierde getrieben, um diesen Kasten herumschleiche, entdecke ich ein Schild auf dem „Bundesbank“ geschrieben steht. So, so eine Bank also. Vermutlich geht dieses Bauwerk 10 Stockwerke in die Tiefe und ist bis oben mit Geld vollgestopft. Lebt hier der Chemnitzer Dagobert Duck und schwimmt durch seine Münzen?

Um einen plausiblen Grund zu haben, dieses Gebäude zu betreten und nicht als Neugierde in Butter gebraten abgestempelt zu werden, zerreiße ich einen Geldschein, meine Eintrittkarte in das überdimensionierte Sparschwein unserer Stadt, denn die Bundesbank hat die Lizenz zum Geldumtausch.

Der Eingangsbereich ist extrem weitläufig und die weißen Wände blenden mich. Ich sehe keine Menschenseele. Dekorationstechnisch gibt es hier nichts, keine Bilder, keine Topfpflanzen. Einfach nichts. Dann entdecke ich Leben. Ein Mann sitzt an einem Schalter, nur wirkt dieser Mann eher wie Inventar. Ich erkläre ihm mein Problem. „Erste Etage“ sagt er monoton. Meine Schritte hallen durch das Haus. Ich begegne niemandem, selbst der Mann am Schalter scheint sich in Luft aufgelöst zu haben, als ich einen nervösen Blick zurück in Richtung Ausgang werfe, ist er weg.

Die richtige Tür endlich gefunden betrete ich einen kleineren Vorraum. Auf einer massiven Stahltür steht: Sie werden aufgerufen! Stimmen sind zu hören. Irgendwann öffnet sich die Tür, ein Mann tritt in eiligem Schritt heraus, mustert mich beiläufig und verschwindet. Ich werde aufgerufen. Den Mann, der in diesem Raum sitzt, und mich trennt eine Scheibe. Ich empfinde mich als ansteckend, ekelhaft oder gefährlich. Ist dieser Mann Dagobert Duck? Mein Geld schiebe ich mittels eines Metallkastens zu ihm. Mit zusammengekniffenen Augenbrauen schaut er mich an, dann begutachtet er die Sicherheitsmerkmale des Scheins. Er nutzt dafür den sogenannten Fühlen-Sehen-Kippen-Test.

Aus irgendeinem Grund habe ich das ungute Gefühl, dass sich gleich zehn Securities auf mich stürzen und mich abführen werden. Dagobert vermittelt mir den Eindruck, ich hätte etwas verbrochen. Es wird schlimmer, als er fragt: „Woher haben sie das Geld? Wie ist das passiert? Ihr Ausweis bitte.“ Dabei hat er diesen Scan-Blick. Ich werde gleich wahnsinnig. Er befördert den Schein nun in eine monströse Maschine, die das Geld untersucht, es piept und rattert. Nach abgeschlossener Analyse kann ich sein kaltes, starres Gesicht nur schwer deuten. Muss ich für immer ins Gefängnis?

Schließlich gibt er mir gelangweilt einen neuen Schein und nickt mich ab. Mein Herz schlägt wie wild. Ich nehme die Beine in die Hand und mache, dass ich schnellstmöglich aus diesem verfluchtem Tetris-Stein heraus komme.

Text: Nina Kummer


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