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Mehr als wer?

Wir sind mehr

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Fast ein Jahr wollte von offizieller Seite in Chemnitz niemand so richtig an den Slogan „Wir sind mehr“ ran. Erst ein obskurer Rechtsstreit verhilft ihm zum Comeback in der Region.

Chemnitz hatte neulich mal wieder Beef, und zwar mit Berlin. Dort hatte sich Benjamin Hartmann, Besitzer eines Modelabels namens „Human Blood“, den Slogan „Wir sind mehr“ als Wortmarke schützen lassen. Angeblich nur, um den Namen vor Missbrauch durch Rechte zu schützen, doch die CWE war not amused. Es gab ein bisschen pubertäres Streithahn-Hin-und-Her, jetzt ist alles gut und die Markenrechte liegen in Chemnitz. Schließlich will die Stadt auch endlich mal in irgendwas Coolem die Erste sein. Denn „Wir sind mehr“ war der meiste Hashtag 2018, immerhin Viertplatzierter beim Wort des Jahres, vor allem war das „Wir sind mehr“-Konzert eine kleine, wohltuende (Menschen-)Kur für die Stadt Chemnitz.

Das ist quasi unumstritten, den Slogan an sich kann man aber schwierig finden: Wir sind mehr – mehr als wer? Wer sind „wir“? Wer ist „ihr“? Sind wir das wirklich, „mehr“? Und wenn ja, warum fühlen sich viele in Sachsen so alleingelassen? Die Kritik am Slogan kam aus allen Richtungen, also von ganz links und von rechts sowieso, andere Richtungen gibt’s ja gefühlt auch gar nicht mehr. Wenn ein Vorwurf berechtigt ist, dann der, dass „Wir sind mehr“ nicht trennscharf, nicht eindeutig genug, nicht ganz zu Ende gedacht ist.

So kam es, dass es sich zeitweise auch die Rechten unter dem Hashtag bequem gemacht haben, und nur wenige Tage nach dem schönen Montagskonzert kollektiv „Wir sind mehr“ über den Brühl brüllten. In den sozialen Netzwerken tauchte die krude Hashtag-Behauptung „#Wirsindnochmehr“ auf, und immer wieder auch Profilbilder mit „Wir sind mehr – aufstehen gegen linke Hetze“ Badges drin. Entkräften lässt sich das, wie so oft im Leben, mit dem Zauber der Zahlen: Man kann Konzertbesucher mit Demo-Teilnehmern aufrechnen, denn trotz aller Kritik und Nörgeleien war „Wir sind“ mehr als nur ein Popkonzert. Und 65.000 junge, alte, friedliche, bunte, weltoffene Menschen sind durchaus mehr als zwei- bis achttausend wütende Nischel-Nazis, auch wenn letztere regelmäßiger wieder kamen, auch wenn ein Großteil der Konzertbesucher zugereist war. Man kann auch politische Prozente jonglieren: 75 bis 80 Prozent wählen nach wie vor demokratisch. Auch das sind definitiv mehr als das restliche Drittel Rechtswähler. Zwar heißt es immer wieder, die AfD sei die stärkste Kraft in Sachsen. Man könnte das Framing aber auch anders setzen und entgegnen, dass Schwarz-Grün-Rot-Rot-Gelb die stärkere Kraft in Sachsen ist.
 
Nun sind Zahlen die eine, Gefühle die andere Sache. Und gerade, wenn es um antifaschistische Arbeit geht, fühlen sich viele Vereine und Organisationen im und vor allem vom Freistaat allein gelassen. Generell fühlt man sich hier immer öfter allein. Wenn man vorm Tesla steht und von einem Random-Raser als „Scheiß Zecken“ beschimpft wird. Wenn man durch die Innenstadt läuft und hört, wie sich zwei Bürger über „bezahlte Schüler bei der Antifa-Demo“ unterhalten. Von wegen „Wir sind mehr“, mag sich mancher dann denken, „wir“ sind viel zu wenig gehört, „wir“ sind als Gegendemonstranten meistens in der Unterzahl, „wir“ sind außerdem im Verfassungsschutzbericht gelandet. Wobei es da überhaupt nicht um’s Publikum ging, wie es gerne missverstanden wird. Ob „Wir sind mehr“ also wirklich stimmt, bleibt so unklar wie der Slogan selbst. Aber man kann einfach mal ganz optimistisch daran glauben, viele Probleme entstehen schließlich im Kopf.

Das Motto der Neuauflage „Kosmos“ heißt jedenfalls „Wir bleiben mehr“, was über die Momentaufnahme hinausgeht, zukunftsorientierter klingt, und schon mal dezent Richtung Landtagswahl weist. Apropos: Der Ur-Hashtag „Wir sind mehr“ taucht neuerdings hin und wieder ausgerechnet in den Tweets von Michael Kretschmer auf, was angesichts der desaströsen CDU-Wahlergebnisse und seiner generell seltsamen Aussagen ein bisschen witzig ist. Wobei der Ministerpräsident ja eh ein spezieller Typ ist, der sein Sachsenfähnchen viel zu gerne in den Wind hängt.

Text: Johanna Eisner

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