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Im Delhi Sachsens

Zu Besuch bei der indischen Community

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Zu Besuch bei der indischen Community

Einen weiteren Titel könnte sich Chemnitz auf die Fahnen schreiben: Das Delhi Sachsens. Doch von der großen indischen Community bekommt der Chemnitzer wenig mit. Wir haben sie besucht und nach Gründen gefragt.

Das indische Essen in Chemnitz müsste schärfer sein. Viel schärfer. Denn egal ob im Delhi, Maharadscha oder Bombay Palast: kein Restaurant, kein Imbiss genügt den Ansprüchen, die ein echter Inder an Schärfe stellt. Und echte Inder gibt’s in Chemnitz sehr viele. Genauer gesagt eine der größten indischen Communitys in ganz Ostdeutschland.

In Sachsen leben 5376 Menschen mit indischer Staatsangehörigkeit, über 20 Prozent von ihnen in Chemnitz. Nur das doppelt so große Leipzig kommt mit 1075 indischen Einwohnern auf eine ähnlich hohe Zahl. Einige in Chemnitz wohnende Inder erzählen, dass sie eher zufällig hier hergekommen sind. Entweder durch Bekannte, die schon hier wohnen oder durch eine Möglichkeit an der Chemnitzer Uni zu studieren, welche stark mit Partnern aus Indien kooperiert. Badu, ein zielstrebiger Student aus Indien sagt wiederum, dass er sich bundesweit für seinen Wunschmaster beworben hat und einfach nur in Chemnitz angenommen wurde. Deswegen sei er hier gelandet.

Besonders in der Nähe des Campus tummeln sich viele Inder. 71,6 Prozent von ihnen studieren nämlich an der hiesigen Universität. Und das sind nicht nur viele in unserer Stadt, sondern auch in ganz Sachsen: in Chemnitz sind 59,5 Prozent aller Studierenden aus Indien immatrikuliert, in Dresden 17,5 und in Leipzig nur 3,8 Prozent. Zwar sind die touristischeren Städte in unserer Umgebung mit ihrer Myriade an Klubs, Bars und Restaurants für viele kulturell aufregender, aber gerade das wollen einige nicht. Wie zum Beispiel der 35-jährige Dattatrya, einer von den 795 indischen Studierenden an der TU. Weil es so ruhig wie in seiner Heimatstadt in Indien ist, fühlt er sich in Chemnitz ziemlich wohl. Ein weiterer Pluspunkt sei, dass er sich wegen fehlenden Tumults weniger von seinem Studium ablenken lässt. Er arbeitet nämlich auf eine Zukunft in Deutschland hin und besucht neben seinem Studium einen Deutschkurs. Die wenige Zeit, die ihm bleibt, verbringt er oft allein in seinem Wohnheimzimmer und hängt im Internet ab.

Auch andere indische Studierende berichten Ähnliches. Auf der einen Seite finden die meisten Chemnitz langweilig, weil sie nicht wie Dattatrya aus einem ruhigen, sondern aus Orten Indiens stammen, wo der Geräuschpegel einem das Trommelfell wegjagt. Andererseits wollen alle konsequent ihren Abschluss machen und nehmen sich deswegen kaum Zeit und Muße für anderes.  

Das hört sich alles so an, als würden sie schnell ihren Abschluss machen wollen und dann nichts wie weg hier. Auf den extrovertierten Adithya, trifft das zumindest nicht zu. Er sieht Chemnitz als seine zweite Heimat an. In seiner Studienzeit arbeitete er regelmäßig im Club der Kulturen – und das sogar jetzt noch, obwohl er wegen seines Jobs nicht mal mehr in Chemnitz wohnt. Jedes Wochenende fährt er von Brandenburg, wo er seit seinem Masterabschluss als Projektingenieur arbeitet, nach Chemnitz. Seit kurzem hat er sogar die deutsche Staatsbürgerschaft.

Trotz der vielen indischen Events wie dem Holi Fest ist die Community kaum wahrnehmbar in unserer Stadt. Das scheint besonders am Leistungsdruck vieler indischer Studierender zu liegen, die den ganzen Tag damit verbringen, im Vorlesungssaal zu sitzen. Aber auch, weil die meisten eher weniger Kontakte zu Nichtindern haben und deswegen oft unter sich bleiben. Der Projektingenieur Adithya beweist dagegen wieder mal das Gegenteil: Er hat auch viele deutsche Freunde, mit denen er sich auf Deutsch unterhält.

Die, die sich weniger wie Adithya trauen, auf Menschen zuzugehen, versuchen sich oft auch über Facebook oder WhatsApp-Gruppen zu vernetzen. Dattatrya, der Chemnitz als eine ruhige Stadt wahrnimmt, hält davon jedenfalls nichts. Er glaubt, dass wenn er mehr Zeit in soziale Kontakte statt in die Arbeit investieren würde, er mehr deutsche Freunde hätte. Aber das schiebt er alles nach hinten. Gelegentlich besucht er indische Events, zu denen auch einige Nichtinder kommen. Aber so ganz ohne was zu lernen geht das nicht: Für ihn nämlich eine Gelegenheit, seine Deutschkenntnisse zu erweitern.

Und ob er dann in Chemnitz bleiben will? Das hängt klar von den Jobmöglichkeiten ab. So ganz egal wie Dattatrya ist das anderen wiederum nicht. Badu, der nur aus Zufall hier gelandet sei, kann sich überhaupt nicht vorstellen, in Chemnitz zu bleiben – und alle seine Freunde wollen auch irgendwann in eine andere Stadt ziehen. Außerdem erklärt er, dass viele Inder in Deutschland sesshaft werden wollen, weil sie sich ein besseres Leben als in Indien wünschen. Wenige wollen zurück in ihre Heimat, deswegen sei laut Badu das Studium eher Mittel zum Zweck.

Auch wenn sich viele nach mehr Tumult, wie sie aus ihrer Heimat Indien kennen, sehnen, denken die meisten, dass sie aufgrund ihrer Ambitionen in Chemnitz genau richtig sind. Zeit für Party haben sie sowieso nicht. Und wenn das Essen mal nicht scharf genug ist, gibt’s in der Südbahnstraße den Bollywood Shop, der seine Landmänner mit für Deutsche fast tödliche Gewürze ausstattet.

Text & Foto: Katharina Hübner

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