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Zwischen Chicken-Döner und Weltpolitik: Eine Nacht im Hallo Döner Drive.

Abends halb elf in Chemnitz. Ein Samstag im Februar. An der Zentralhaltestelle stehen Mittvierziger in Grüppchen und wünschen sich einen „schönen Valentinstag“.

Traurige Tropfen fallen vom schwarzen Nachthimmel. Noch ist der Raucherbereich vorm Brauclub leer, noch verglühen keine Kippen in den Aschenbechern. Zwischen Tietzparkplatz und Zschopauerstraße, gegenüber der dunklen Bäume des OdF, steht – rettend wie ein Leuchtturm in der Nacht – ein Glaskasten, von grünem Neonlicht gerahmt. Über dem Eingang blinkt eine kleine rote Leuchttafel: Döner. Grünpflanzen gedeihen im Fenster, hinter Glasscheiben und Palmenblättern sitzen Menschen wie Reptilien im Terrarium und essen gefülltes Fladenbrot: Fütterungszeit.

Der „Hallo Döner Drive“ an der Zschopauerstraße hat fast rund um die Uhr geöffnet und ist, wenn man so will, der einzige Späti der Stadt. Sozusagen alternativlos, bisher zumindest. Es gibt Bier und Döner, Nudeln und Pizza – essentielle Notversorgung für alle fettverlangenden Lebenslagen. Mythen, aber auch üble Gerüchte ranken sich wie künstliche Lianen um den Imbiss, den man wahlweise für den besten oder den schlechtesten Döner der Stadt halten kann, doch all das ändert nichts daran, dass er eine absolute Institution des Stadtlebens ist.

Ein Döner kostet hier 3,80 Euro (das liegt etwa 30 Cent über dem Chemnitzer Dönerpreis-Durchschnitt, ein Dürüm 4,30 Euro (das liegt etwa 20 Cent unter dem Chemnitzer Dürümpreis-Durchschnitt), Pizza gibt's ab sechs Euro. Die Soßen sind fettig, und wenn das Essen hier eines auszeichnet, dann wohl seine maximale Nahrhaftigkeit. Was durchaus logisch ist, da der Imbiss direkt an der Schnittstelle aller Suffrouten liegt: Wer in den Brauclub will, wer im Tesla war, wer spät abends vom Bahnhof kommt, findet hier, was er sucht, falls das, was er sucht, eine warme, schnelle Mahlzeit ist. Doch der Döner ist nicht nur ein Knoblauchsoßen-Tempel für dehydrierte Partygänger, sondern auch ideal für Durchreisende, Schwerbeschäftigte und Misanthropen. Inhaber Orhan Macar erklärt, warum das Drive-In-Konzept funktioniert: „Wenn du von der Arbeit kommst und kaputt oder genervt bist, gerade scheiße aussiehst oder einfach keine Lust auf Menschen hast, dann willst du dich nicht auch noch von einem Imbissbuden-Typ voll labern lassen.“ Ein Späti würde hier nicht funktionieren, glaubt er. Die Leute wollen schnell konsumieren, schnell wieder weiter ziehen. Für die, die Menschen doch noch mögen und auch mal kurz an- und innehalten, bietet sich an jenem Samstagabend im Februar folgende Szenerie:

Zwei Männer sitzen, jeder für sich, an den schmucklosen Tischen im Neonlicht vor dampfenden Teetassen. Sie schieben stumm auf ihren Smartphones. Kollektive digitale Isolation. Im Fernsehgerät an der Spanplattenwand läuft Musikfernsehen, stumm wie der starre Blick auf's Smartphone. Zwischen der üppigen Salatauslage, Pizzaoffen und Dönerspieß, stehen Männer in gelben Polos und diskutieren über Politik, unterbrochen von der Tür des Imbiss, die regelmäßig tief Luft holt und Kunden vor die Theke spuckt.

„Dürüm“, sagt ein solcher, nicht Bitte, nicht Danke.
„Türkei hat Probleme. Zypern-Problem, PKK-Problem.“
„Kräuter und Scharf!“

Hinter der Theke hat man sich derweil auf das Nachbarland eingeschossen. Die Politikdebatte mischt sich akustisch mit Kundenwünschen. Das Telefon klingelt im Zehn-Minuten-Takt.

„Zwei Döner, bitte. Einen normalen Döner und einen Chicken.“
„Iran macht alles kaputt.“
„Zum Hier-Essen.“
„Iran hat 40 Prozent“

„Einen Döner mit Pommes, einmal Magarita, einmal Salami bitte und eine kleine Cola.“ Anekdoten werden erzählt. Über den befreundeten LKW-Fahrer, der oft in den Iran fuhr und wie er dort eine Frau heiratete, irgendeine.

„Salat alles.“

Döner ist Konsens und Convenient Food, irgendwie auch Seelennahrung. „Es beruhigt die Leute. Es ist das beliebteste Essen“. Viele Imbisse rühmen sich mittlerweile irgendwo damit, der „erste Döner-Drive-In überhaupt zu sein“, aber als Macar vor 15 Jahren den ehemaligen Kiosk zum Imbiss umbaute, war er deutschlandweit tatsächlich der erste mit diesem Konzept: „Chemnitz ist wirklich die Stadt der Moderne“. Sagt er.

Das Publikum am Samstagabend ist überwiegend jung und männlich: Graue Jacken, kunstvoll ausrasierte Haare, rahmenlose Brillen, ausgeprägtes Sächsisch, ausbaufähiger Alkoholpegel. In der Woche sitzen hier auch Familien beim Fastfood-Picknick unter der mächtigen Eiche aus Plastik. Der Inhaber kann keine Zielgruppe und auch keine bestimmte Stoßzeit ausmachen: „Zu mir kommen vier Generationen. Junge, Alte, Partygänger, Berufstätige.“ Während unserer Besuche im Februar ist ein Teil des Glas-Häuschens mit Spanplatten verkleidet, das Untergeschoss, in dem sich eigentlich die Toiletten befinden, geschlossen, der Drive-In-Service auch. 2013 wurde der Döner-Drive vom Hochwasser überflutet, 2016 wird renoviert. Macar wird oft gefragt, mit dem Konzept zu expandieren, aber das kommt für ihn nicht in Frage. „Man wird nicht zweimal Vierzig!“. Außerdem, findet er, gehört der Drive-In einfach zu Chemnitz.

Text: Johanna Eisner


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