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Amateure aus Liebe

Die AG Geige - ein Amateurfilm

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AG. Geige war, zumindest bis zum Erscheinen von Kraftklub, der bedeutendste musikalische Exportartikel dieser Stadt. Der Chemnitzer Regisseur Carsten Gebhardt hat nun einen Dokumentarfilm über das legendäre Künstlerkollektiv gedreht.

Der Duden schreibt über das Wort Amateur: „Jemand der eine Tätigkeit aus Leidenschaft als Hobby betreibt.“ Frank Bretschneider, auch Palucca genannt und bei der AG. Geige zuständig für Gesang, Gitarre und Keyboards formuliert es als eine Person, die etwas aus Liebe mache und nicht jemand „der nichts auf die Reihe bekommt.“ Neben Bretschneider bildeten außerdem Jan und Ina Kummer und Torsten Eckhardt, den später Olaf Bender ersetzte, die selbsternannten Amateure.

Als Autodidakten gründen sie 1986 die AG. Geige. Ein avantgardistischer Elektrosound, skurrile Texte und schräge Bühnenkostüme werden ihre Markenzeichen. Trotz des experimentellen Konzepts erreicht die Band bis zu ihrer Trennung 1992 eine erstaunliche Popularität, zunächst im Osten, mit dem Fall der Mauer aber auch im Westen. Konzerte glichen dabei eher Performances. Jan Kummer erklärt das im Film wie folgt: „Wir haben uns ja nie so direkt als Musiker begriffen. Es ging immer nur darum, dieses Projekt, dieses Gesamtensemble den Leuten zeigen zu können. Und dazu gehörte Film, Malerei, Texte und Musik.“ Auch 26 Jahre nach der Gründung ist immer noch eine große Faszination für das Ensemble zu spüren. „Vor zwei, drei Jahren wurde ich in Berlin gefragt, was ich gerade so mache“ erzählt Carsten Gebhardt. „Da habe ich überlegt, wie ich denen AG. Geige erklären soll. Aber die Generation, die damals um die 14-16 Jahre alt war, kannten alle AG. Geige. Und alle haben geschmunzelt.“

Carsten Gebhardt hat vier Jahre an diesem Film gearbeitet. Ursprünglich war er als Teil einer großen Box geplant, in dem bekanntes und bisher unveröffentlichtes Bandmaterial inklusive des mittlerweile vergriffenen Buches „Von Fröschen und Träumen“ neu herausgegeben werden sollte. Das ambitionierte Projekt, von den Machern der mittlerweile eingestellten Chemnitzer Literaturmagazins Comma auf den Weg gebracht, scheiterte aber an finanziellen Grenzen. Übrig geblieben ist Gebhardts Film. Mit unveröffentlichtem Livematerial, Interviews der agierenden Künstler, Radiomachern, Veranstaltern und Kuratoren, transportiert er die Geschichte der Band in die Gegenwart. Gebhardts Film dokumentiert ohne den berühmten Nostalgie-Schleier und sehr vielschichtig die Arbeit der Künstler in der DDR. Mit allen Widrigkeiten, schönen oder absurden Situationen und schließlich die Trennung der Band. Gerade Zuschauern ohne viel Hintergrundwissen über das Quartett sei der Film ans Herz gelegt. Auch wenn nicht die letzte Frage aus dem Weg geräumt ist, hat man trotzdem das Gefühl dieses Phänomen und den Antrieb dahinter besser zu verstehen.

Premiere „Die AG Geige - ein Amateurfilm“ am 26.10. im Schauspielhaus

http://www.facebook.com/DieAgGeigeEinAmateurfilm

Text: Florian Harlass

Erschienen im 371 Stadtmagazin 09/12

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