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Beate und der diamantene Drahtesel

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Ich kenne mich nicht aus mit Fahrrädern, aber ich kann Fahrrad fahren, allerdings mehr schlecht als recht. Manchmal falle ich hin, wenn auf der Straße auch noch die Schienen für die Bahn verlegt wurden und ich dort hineingerate. Das passiert mir, unabhängig davon, mit welcher Fahrrad-Marke ich gerade unterwegs bin, auch mit einem Diamant-Rad.

Diamant-Räder, das hörte ich öfter, waren mal eine große Nummer, vor allem vor dem Krieg - die Mercedesse unter den Rädern. Heute werden Diamant-Räder immer noch hergestellt, aber, wie ich ebenfalls hörte, nicht mehr mit gemufften Stahlrahmen. Ich weiß nicht, ob das gut oder schlecht ist, ich jedenfalls hätte schon wegen des Wortes „gemufft“ nicht auf diese Art Stahlrahmen verzichtet. Das Diamant-Fahrradwerk in Chemnitz im Stadtteil Reichenbrand, angrenzend an Siegmar, seit 1997 ansässig in Hartmannsdorf, ist die älteste produzierende Fahrradfabrik in Deutschland. Ihr Gründer Friedrich Nevoigt verlor krisenbedingt wenige Jahre vor 1900 in einer Strumpfmaschinenfabrik seinen Arbeitsplatz, verzweifelte jedoch nicht, sondern machte sich selbstständig. Als der Absatz von Wirkmaschinen-Platinen für Strumpfmaschinenfabriken auch zu stocken drohte, produzierte Nevoigt, jetzt mit seinem Bruder, zusätzlich Schreibfedern aus dem Material Diamant-Stahl. Wenig später folgte das Fahrrad. Eine der schönsten Innovationen der ersten Jahre vermisse ich sehr: Ein Scheinwerfer mit Kerzenlicht, montiert an die Radgabel des Vorderrades, das wäre gerade in der vor uns liegenden Weihnachtszeit ein echter Hingucker. Nach der Jahrhundertwende kommt es erneut zu Absatzeinbrüchen, diese beantworten die beiden Stehauf-Männchen-Brüder mit weiteren spektakulären Ideen, die heute hoch im Kurs stehen. Neben der Herstellung weiterer Produkte, wie zum Beispiel Geldkassetten, tüftelten sie bereits am Bau von „Motor“ - Fahrrädern mit 2 PS, Elektro-Bikes der ersten Stunde, die leider im Planungsstadium stecken geblieben sind. Aber so wie vor 201 Jahren der Ausbruch eines Vulkans im heutigen Indonesien die Erfindung des Fahrrades begünstigt hatte und an die Stelle der Pferde trat, wünsche ich mir eine weitere Eruption, durch die dieses Mal Fahrräder aller Art die Autos ersetzen. Chemnitz hat schließlich einen eigenen Vulkan, ein kleiner Ruckler und die Straßen wären bloß noch mit Mountain-Bikes zu befahren. Zur Zeit befinden sich in Teilen der ehemaligen Fahrradfabrik auf der Nevoigtstraße ein Fahrradgeschäft, ein Sportbekleidungsladen und das Atelier eines Holzbildhauers. Ob aus dieser Kombination auch ein innovatives Produkt hervorgehen wird? Wir werden sehen.


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