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Chemnitz braucht kein Stadtfest mehr!

Nur so'n Gedanke Teil 5

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Nur so'n Gedanke Teil 5

Chemnitz 2025: Die Stadt ist Kulturhauptstadt Europas. Auf dem Weg dorthin hat sie sich in eine coole, bunte, lebens- und liebenswerte Metropole verwandelt. 371 will da nicht abseits stehen und postet von nun ab jeden Monat eine steile These, die uns diesem Ziel näher bringt. These 5: Chemnitz braucht kein Stadtfest mehr!

Das Chemnitzer Stadtfest fand bisher 24 Mal statt und zieht im Schnitt 200.000 Menschen in die Innenstadt. Mit Fug und Recht kann man behaupten, dass es weltberühmt ist. Wer das nicht glaubt, tippe die Worte „Stadtfest Chemnitz“ mal in seinen Google-Schlitz. Hoho, 695.000 Ergebnisse. Endlich mal einen Zahl, bei der wir Leipzig (277.000) und Dresden (270.000) locker abhängen. Drama, Abbruch, Messermord – das sind die verwandten Begriffe, die das Ergebnis nach oben schnellen lassen. Traurige Berühmtheit also. Trotzdem nennen schon jetzt einige offizielle Chemnitz-Seiten den Zeitraum 23.–25. August 2019 als Termin für das 25. Stadtfest.

In der Nacht vom 25. zum 26. August jährt sich der Mord an einen Chemnitzer Daniel H. zum ersten Mal. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass rechte Gruppen das Wochenende zur bundesweiten Mobilisierung nutzen werden? Und wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass diesem Aufruf einige Tausend betroffene Hitlergrüßer folgen werden? Nun, die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch. Daraus folgt, dass das Chemnitzer Stadtfest diesmal mit einigen Hundertschaften Bundespolizei abgesichert werden müsste. Ganz zu schweigen von einem generellen Sicherheitskonzept, dessen Kosten sechsstellig sein dürften. „Einfach feiern“ lautet das banale Motto des Stadtfestes seit einigen Jahren – angesichts dieser Rahmenbedingungen ist die Umsetzung dessen eigentlich unvorstellbar. Auf den ersten Blick wirkt es ziemlich pietät- und sehr verantwortungslos.
 
Das der oben genannte Termin schon hier und da publiziert ist, muss nicht zwangsläufig heißen, dass es an diesem Wochenenden tatsächlich stattfindet. Die Termine sind oft schon Jahre im Voraus bekannt, damit Karussellanschieber, Rauchwurstanbieter und Radiostationen ihre Sommeraktivitäten planen können. Was also tun?

Variante 1: Neuer Name
Gibt man dem Baby einfach einen neuen Namen? Cityfest zum Beispiel. Es gibt bestimmt Menschen, die so etwas ernsthaft in Betracht ziehen, aber natürlich ist das Bullshit. Der Zeitraum, das Konzept, die Idee (Einfach feiern) sind verbrannt – einer neuer Name ändert daran nichts.

Variante 2: Abschaffen
Für alle, die Stadtfeste generell doof finden, natürlich eine brillante Idee. Was könnte man stattdessen für ein an- und aufregendes Festival kreieren! Etwas Modernes, Wegweisendes. So etwas wie das Eurosonic in Groningen, das Reeperbahn-Festival in Hamburg oder das SXSW in Austin – genreübergreifende Festivals, die eine Idee vom Morgen präsentieren. Solche Festival haben bei aller Geschäftigkeit durchaus Happening-Charakter. Rock´n´Roll und Riesenrad, Karussell und Kosmonaut, Maker Faire und Mitmach-Bühne, Bandcamp und Bratwurst, Politik und Party, Digital-Lifestyle und lebendige Innenstadt – das müssen keine Gegensätze sein. Und nebenbei: Das Wir sind mehr-Konzert hat über seinen Inhalt hinaus noch etwas gezeigt, nämlich das Chemnitz wahrscheinlich die einzige Stadt weltweit ist, die mitten in ihrer Innenstadt ein Festival mit 65.000 Besuchern abfeiern kann. Ach, man müsste mal Zeit zum nachdenken haben. Also nimmt man sich die Zeit und überdenkt Zeitraum, Konzept und Idee?

Variante 3: Pause
Pausiert man ein Jahr und hofft, dass sich 2020 die Lage wieder beruhigt hat? Das ist eine Option. Kann man machen, wird keiner nörgeln. Aber wenn man eine Atempause nimmt, dann muss 2020 schon was Spannenderes rumkommen als bisher. Ein „Weiter-so“ wird dann nicht funktionieren. Und wer sagt überhaupt, dass 2020 tatsächlich alles wieder „ruhig“ ist? Die Debatten haben ja gerade erst angefangen, sie mitzunehmen, aufzuarbeiten, zu kanalisieren, all das steht ja noch aus. Pause kann schon ok sein, aber dann mit Perspektive.

Variante 4: Augen zu und durch
Große Dramen, Tote, Sprengstoffanschläge, rechter Terror – das alles hat das Münchner Oktoberfest in seiner über 100-jährigen Geschichte erlebt. Trotzdem macht es jedes Jahr auf. Wer auf die Wiesn geht, kennt das Risiko. Es ist die klassische Jetzt erst recht-Ding. Soll man also einknicken vor dem rechten Mob? Soll man sich vorhalten lassen, dass in Chemnitz nicht nur „der Rechtsstaat vorgeführt“ (Spiegel-Zitat) wurde, sondern man auch gleich noch das Recht auf Feiern abschafft? Nein, so einfach darf es nicht sein. Jeder Chemnitzer und jede Chemnitzerin hat das Recht auf ein von Bratwurstduft durchwehtes Volksfest mit Karussell, Riesenrad und Radiobühne! Imperativ. Fragezeichen.

Die Frage, ob und wie das 25. Chemnitzer Stadtfest stattfindet, ist eine politische.

Gibt es noch andere Varianten? Sicher, wir leben in Sachsen, da sollte man darauf vorbereitet sein, dass einige/viele eine nationalbefreite Volksfestzone mit Brauchtumspflege, Bratwurst, Karussell und Russia Today-Bühne anstreben. Darauf wollen wir hier nicht weiter eingehen. Darüber machen wir noch Witze. Das „noch“ sagt aber auch: Die Frage, ob und wie das 25. Chemnitzer Stadtfest stattfindet, ist eine politische. Das ist die Dimension. Es ist die vielleicht entscheidendste Frage, vor der Chemnitz in den nächsten Wochen steht. An jenem Stadtfest-Wochenende werden sich all die unbeantworteten Fragen neu stellen. Chemnitz sollte bis dahin ein paar Antworten parat haben.

Text: Lars Neuenfeld

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