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Chemnitz braucht mehr Shopping!

Nur so'n Gedanke Teil 3

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Nur so'n Gedanke Teil 3

Chemnitz 2025: Die Stadt ist Kulturhauptstadt Europas. Auf dem Weg dorthin hat sie sich in eine coole, bunte, lebens- und liebenswerte Metropole verwandelt. 371 will da nicht abseits stehen und postet von nun ab jeden Monat eine steile These, die uns diesem Ziel näher bringt. These 3: Chemnitz braucht mehr Shopping!

Es mag eine gewagte These sein, aber: In Chemnitz gibt es alles, was man für ein erfülltes Stadtleben braucht. Es sei denn natürlich, man braucht gerade dringend einen Späti oder einen ICE nach Berlinhamburgmünchen oder einen guten Fußballverein oder so. Abgesehen davon kann man über Chemnitz aber getrost und auch ein bisschen stolz sagen: Geht schon. Was in Chemnitz allerdings schlecht geht, ist einkaufen, bummeln, in kleinen Läden stöbern, ist konsumieren mit Stil.  

Und so ist es kein Geheimnis, dass „leblos“ von „lieblos“ kommt, denn auf die Chemnitzer Innenstadt trifft beides zu: Sie besteht größtenteils aus den üblich verdächtigen Ketten, Ramschläden oder Apotheken, vor denen sich an Aktionstagen Rentnerschlangen bilden wie sonst nur in DDR-Bananenwitzen. Und dann gibt es natürlich noch die Baupläne: Für den Getreidemarkt zum Beispiel, da soll ein Rewe hin, und für den Parkplatz an der Johanniskirche, da soll ein gigantischer Simmelmarkt hin.

Die Stadt wirkt wie eine einzige große Freiluft-Shoppingmall: Mall ist in Chemnitz nicht nur einmall im Jahr, sondern fünfmall in der Stadt. Manchmal eröffnen in Chemnitz neue Läden, und dann hegt man Hoffnung: Aber am Ende ist es doch wieder nur ein Frisör, ein Matratzenladen oder ein Nagelstudio, meistens aber ein Frisör, so viel Haare gibt es gar nicht, wie Chemnitz Frisöre hat. Viel öfter aber schließen in Chemnitz Läden, und dann bekommt man ganz schlimmes Mitleid: Wieder eine Existenz zu Grunde gegangen, wieder verlorene Liebesmüh. Vielleicht liegt das gar nicht an Chemnitz, sondern am Internet, oder es liegt doch an Chemnitz und den Einkaufszentren, die sich diese Stadt auf die grüne Wiese und in den grauen Beton gesetzt hat.

Inhabergeführte Läden zum Einkaufen, Entdecken und Inspirieren lassen findet man in der Stadt jedenfalls nur wenige. Auf der Inneren Klosterstraße gibt es ein paar, aber dort müssen sie einer Kneipenmeile weichen, die auch wieder nur aus Franchise und einem Gyros-Imbiss besteht (bei dem es allerdings sehr leckeren Cappuccino Freddo gibt). Chemnitz braucht aber gar keine Kneipenmeile, kein überfülltes Barfußgässchen, wo sich die vielen Touristen unter Heizpilzen brutzeln. Chemnitz braucht mehr Einzelhandel, kleine Läden mit Herz und Seele und alle am besten mit integrierter Gastronomie, denn die ist ein weiteres Sorgenkind. Chemnitz braucht kreative Geschäftsideen und vor allem den Mut, endlich mal mit der Zeit zu gehen: Einen Blumenladen mit Cafè, einen Buchladen mit Bar, einen Streetwearshop mit Späti, einen Sneakerstore mit Rollatorenrennbahn, einen Handyladen mit Single-Treff, ein Kino für Kiffer, eine Boutique mit Weinkostabteilung, eine andere Boutique mit Bällchenbad, dass alles in der Innenstadt, und dazwischen ein paar Ramschläden, Ketten, Apotheken und Galeria Kaufhof, denn das gehört auch zu einer guten Einkaufskultur. Eine solche würde die Stadt nicht nur lebenswerter machen, sondern auch die armen, geplagten Versandmitarbeiter und die Umwelt entlasten.

Vision für Chemnitz: Die Sachsenallee wird geschlossen und zur Konzerthalle umfunktioniert, die Läden werden auf der Straße der Nationen, dem Rosenhof und auf dem Brühl verteilt und mit vielversprechenden KRACH-Projekten durchmischt. Die Galerie Roter Turm wird abgerissen, an ihrer Stelle wird ein schicker neuer Käsemaik-Flagshipstore gebaut und daneben ein hochmoderner Laden für erzgebirgische Schnitzkunst und eine Lulatsch-Panorama-Bar. Die Markthalle wird wieder zur Markthalle: Mit Fress- und Frischeständen wie in Barcelona, nur kleiner. Weniger als das wäre einfach nicht akzeptabel.

Text: Johanna Eisner

„Nur so´n Gedanke“ ist als offene Artikelreihe angelegt. Jede/r ist eingeladen, Ideen vorzustellen. Einfach Idee oder gleich einen kompletten Text an redaktion@371stadtmagazin.de schicken.

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