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Lisa trifft einen Camper

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Als Dauercamper muss man wohl die Natur und provisorische Toiletten richtig sehr lieben, anders kann ich mir ein solches Leben nicht erklären. Weil ich jedoch fundierte, vorurteilsfreie Antworten wollte, ging ich lieber nachfragen: Auf dem Campingplatz Oberrabenstein.

Als Kind beäugte ich in den Sommerferien fast jeden Tag die Dauercamper am Stausee Oberwald. Mein jugendliches Gemüt haben diese Garten-Wohnanlagen immer sehr beeindruckt, aber auch ein wenig verwirrt: Wieso wohnen diese Menschen einen ganzen Sommer lang ausgerechnet in Callenberg an einem Stausee? Haben die kein echtes Haus, an einer echten Straße? Das alles habe ich damals leider nie zu fragen gewagt - Grund genug, dies mit 26 Jahren nun endlich nachzuholen. Also fuhr ich aufgeregt und voll kindlicher Neugier an den neuen Stausee in meinem Leben, nach Oberrabenstein.

Mein erster Anlaufpunkt, nachdem mich die Sächsischen Kampfziegen beinah von meiner Mission abgehalten hätten, war das große „Schwarze Brett“ vor dem Campingplatz. Infos zu Preisen, Freizeit-

aktivitäten oder Hausverboten brachten mich jedoch nicht wirklich weiter – und die großen „Betreten nur mit Befugnis“-Schilder schreckten auch eher ab, als dass sie zum Schlendern einluden. Verbotenerweise probierte ich letzteres aber trotzdem und ging meine erste, sehr zögerliche Runde über den Platz. Hier traf ich auf eine Menge Wohnmobile und ähnliches, die mal mehr, mal weniger idyllisch in die Landschaft eingebettet waren. Auf jeden Fall war vieles ziemlich deutsch: Grillausrüstung, Gartenmobiliar aus Plastik und Satellitenschüsseln gehören offenbar zum Standard hiesiger Dauercamper. Außerdem war fast jede Parzelle mit einem Zaun ausgestattet. Ein Zaun um ein sonst sehr grünes Campingplatz-Fleckchen.

Da ich die friedlichen Camper nicht stören wollte und viele Anfang Mai ohnehin noch nicht da waren, beschloss ich, zurück auf Anfang und zunächst in die Rezeption zu gehen. Hier traf ich, umgeben von allem, was das Camperherz begehrt, von Postkarten über Bier bis hin zu Hygieneartikeln, auf Peter Barthel. Der nette Herr ist seit elf Saisons der Wächter über den Platz und kennt alles und jeden. Er war somit genau der Mann, den ich gesucht hatte. Fast alle Plätze seien derzeit belegt, allerdings nur zehn von 40 Plätzen richtig dauerhaft das ganze Jahr über. Die meisten Camper kommen aus der Umgebung, einige haben jedoch eine weitere Anreise, beispielsweise Berufspendler, die nur für eine Saison in Chemnitz arbeiten. Der Großteil der Menschen nutzt den Platz einfach als Garten. „Früher war die Gemeinschaft eine verschworenere, in der DDR“, erzählt Barthel weiter.

„Die Menschen hatten alle die gleichen Gründe, ihren Sommer in der heimeligen Gartenidylle zu verbringen. Heute geht es vielen vor allem um Flexibilität.“ Auf Kommunenfeeling und jeden Abend Gartenparty sollte man als Camperanwärter also nicht hoffen, wohl aber auf einen ruhigen Rückzugsort mit Wald, See und Kampfziegen.

Weil ich manchmal einfach unfassbares Glück habe, stößt zu diesem Gespräch irgendwann Andreas Bär. Er ist einer der wenigen, die tatsächlich ganzjährig hier wohnen. Ein netter Mann um die 40, der, wie er sagt, einfach nicht gern in Wohnungen mit Nachbarn wohne. Letzteres erscheint mir nachvollziehbar, also hake ich nach. Er habe schon an vielen Orten, auch in Häusern, gelebt, ziehe aber die Natur vor und so kam er einfach hierher. Seit sechs Jahren ist nun schon die Rezeption des Campingplatzes die Anschrift von Herrn Bär und für ihn ist dieses Leben genau das Richtige. Anfangs im Zelt, später im Wohnwagen, lebt er heute im Mobilheim, etwas, das ich bisher eher aus dem Trailerpark in „8 Mile“ kannte.

Zum Ende hin tappe ich dann offenbar noch in ein typisches Dauercamper-Fettnäpfchen: „Ich werde oft gefragt, wie ich das im Winter mache, bei der Kälte“, lacht Herr Bär. „Dabei ist das doch klar: Ich heize!“

So einfach also. Irgendwann werde ich auch mal Dauercamper.

Text: Lisa Kühnert, Foto: Maik Irmscher


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