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Die Schrumpf-Uni

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Im laufenden Semester haben sich deutlich weniger Studienanfänger an der TU Chemnitz immatrikulieren lassen, als in den Jahren davor. Ist das nur ein Knick in der Statistik, eine langfristige Delle oder kann es gar irgendwann wieder zu einem Aufschwung kommen?

Der Chemnitzer Uni kommen die Student*innen abhanden. Im aktuellen Wintersemester haben sich weniger Studierende neu an der TU Chemnitz immatrikulieren lassen als im Vorjahr. Während es zum Wintersemester 2018/2019 noch 2660 Personen waren, haben sich in diesem Herbst nur 2145 Menschen neu eingeschrieben. Auch die Zahl der Student*innen aus dem Ausland hat sich drastisch verringert, von 720 im Vorjahr auf 483 in diesem Jahr. Gleichzeitig legen die Universitäten in Dresden und Leipzig zu, ihre Student*innenzahl stieg auch im aktuellen Semester weiter an. Wie kann das sein?

Die Ursachen sind vielseitig, einige liegen auf der Hand, andere gehen tiefer. Zum einen wären da die Ereignisse im Nachgang des Stadtfestes im Herbst 2018. „Die Ereignisse in der Stadt, die weit über Chemnitz hinaus ein sehr negatives Bild zeichneten, haben sich mit hoher Wahrscheinlichkeit auch auf die Einschreibungszahlen zum Wintersemester 2019/20 ausgewirkt“, so Mario Steinebach Pressesprecher der TU Chemnitz. Auch der Student*innenrat der TU ist dieser Ansicht. „Student*innen fühlen sich in Teilen nicht sicher in Chemnitz. Dies betrifft nicht unbedingt den Campus der TU Chemnitz, aber in anderen Teilen der Stadt kam es zu Übergriffen auf internationale Student*innen. Das spricht sich herum und senkt die Attraktivität der TU Chemnitz“, sagt Sebastian Cedel vom StuRa der TU. Wie sich das Image der Stadt langfristig auf die Zahlen der Student*innen auswirkt, ist laut Mario Steinebach jedoch noch nicht absehbar, da müsse man die langfristige Entwicklung abwarten.

Auf die Bewerberzahlen von ausländischen Studieninteressierten hätten sich die Ereignisse jedoch bislang nicht ausgewirkt. Dass in diesem Jahr weniger zugelassen wurden, habe andere Gründe. „In einigen Studiengängen haben weniger internationale Studienbewerber und Studienbewerberinnen als im Vorjahr die fachlichen und sprachlichen Voraussetzungen für die Aufnahme eines Studiums an der TU Chemnitz erfüllt“, sagt er. Aber auch da lasse sich noch keine Tendenz ableiten, solche Jahrgänge seien möglich. Steinebach bringt jedoch noch einen weiteren Grund für sinkende Student*innenzahlen ins Feld: die Politik. Denn schon seit fünf Jahren verliert die TU Student*innen und das bewusst. Während 2015 noch 2.145 Menschen ihr Studium in Chemnitz aufnahmen, so waren es 2016 nur noch 1497. Was war passiert?
Im Jahr 2014 beschloss die damalige Sächsische Landesregierung in der Koalition von CDU und SPD den Hochschulentwicklungsplan 2014 bis 2025. Der ist noch immer gültig und sieht eine Reduzierung der Student*innenzahlen der TU Chemnitz bis 2025 auf 9400 Student*innen vor.

Gleichzeitig sollen sich auch alle anderen sächsischen Hochschulen verkleinern und die Zahl von 106.532 Studierenden sachsenweit auf 95.000 verringern. „Die Kapazität ergibt sich rechnerisch aus der Personalausstattung. Im Übrigen entscheidet der Sächsische Landtag mit dem Haushaltsgesetz über die Personalausstattung der einzelnen Hochschulen“, erklärt Katharina Strack vom Sächsischen Wissenschaftsministerium. Der Stellenabbau sei in diesem Zusammenhang beendet worden. Außerdem solle die Reduzierung der Student*innenzahlen nicht durch eine Verringerung der Neueinschreibungen, sondern durch ein effizienteres Studium erwirkt werden.

Um das Plansoll der Landesregierung erfüllen zu können, belegte die TU Chemnitz schon in den vergangenen Jahren einige Studienfächer mit einem Numerus Clausus, der die Zahl der Einschreibungen reduzieren soll. Laut Mario Steinebach betraf das 33 Studienfächer. Die Student*innenzahlen sanken prompt. Doch in der TU machte sich Widerstand breit. „Das Rektorat der Technischen Universität Chemnitz hat sich in den vergangenen Jahren mehrfach gegen die Reduzierung der Studierendenzahlen positioniert“ so Steinebach und führt damit unter anderem den wachsenden Fachkräftemangel in der Region an. Die TU sei dem Zwang zur Reduzierung schon entgegen getreten, etwa, indem sie in einigen Fächern den Numerus Clausus wieder aufgehoben habe. Aktuell sind 12 von 103 angebotenen Studiengängen mit einem Numerus Clausus belegt. Laut dem TU-Pressesprecher strebe man weitere NC-freie Fächer an. Die Einführung der Zugangshürden halle aber noch nach. Auf Landesebene zeichnet sich derweil ein Umdenken ab.

Im Vorjahr wurde ein neuer Landtag gewählt, neben der CDU können nun erneut SPD und erstmals auch die Grünen mitregieren. Das Umdenken schlägt sich im aktuellen Koalitionsvertrag wieder: „Angesichts des weiter wachsenden Fachkräftebedarfs, insbesondere im Bereich der Daseinsvorsorge, sehen wir die Notwendigkeit, das derzeitige Niveau der Studierendenzahl von ca. 101.000 zu halten und durch den Ausbau spezifischer Studienangebote, insbesondere in den Bereichen Humanmedizin, Lehramt, Informatik, Gesundheit und Pflege, in Abstimmung mit den Hochschulen bedarfsgerecht auszubauen. Dies zeichnen wir im Hochschulentwicklungsplan nach.“ Wann genau das geschehen soll und wie genau sich die neue Zahl auf die einzelnen Hochschulen auswirken wird, darüber konnte das Wissenschaftsministerium auf Anfrage des 371 keine Auskunft geben. Immerhin: Das am letzten Januar-Wochenende beschlossene "Sofortprogramm Start 2020'" sieht vor, dass zukünftig 50 MedizinStudent*innen am Chemnitzer Klinikum ausgebildet werden. Außerdem sollen 300 zusätzliche Studienplätze für Förderschul-, Oberschul- und Berufsschullehrer geschaffen werden, von denen möglicherweise auch ein Teil in Chemnitz angesiedelt wird.

In Chemnitz ringt man derweil um weitere Student*innen. Wie Stadt-Pressesprecher Matthias Nowak erklärt, arbeite Chemnitz eng mit seiner TU zusammen. So habe man im Herbst erst eine Umfrage zur Zufriedenheit der Student*innen gemacht, deren Ergebnisse weitere Aufschlüsse über Besserungsmöglichkeiten geben soll. Weiterhin sei man sehr an weiteren Student*innen interessiert. „Es besteht der politische Wille, weitere Studiengänge in Chemnitz zu etablieren“, so Nowak, außerdem wolle man unter anderem das Lehramtsstudium weiter ausbauen. Auch am Image der Stadt feile man, etwa mit der Bewerbung zur Kulturhauptstadt 2025. Außerdem, so sind sich Uni und Stadt einig, müsse man noch etwas Zeit verstreichen lassen, um zu sehen, ob es sich bei den derzeitigen geringeren Student*innenzahlen um einen Knick oder eine Delle handele. Der StuRa fordert das Rektorat hingegen zum aktiven Handeln auf: „Wir fordern vom diesem auch konkretere Maßnahmen, die Schaffung von Stellen für Antidiskriminierung und eine deutliche Wertschätzung der internationalen Student*innen“, so Sebastian Cedel. „Videobotschaften und bunte Buchstaben“ reichen seiner Ansicht nach nicht aus, um das Image der Uni aufzupolieren.

Text: Sarah Hofmann

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