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Gerüchte & Fakten

Pläne für ehemalige Brühl-Schule werden konkret

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liebknecht schule

Gerüchte sind ihrer Natur nach unverbindlich. Eines, welches seit einiger Zeit in Chemnitz kursiert, beinhaltet die Idee einer längerfristigen Umnutzung der Karl-Liebknecht-Schule auf dem Brühl als Musik- und Kreativzentrum. Proberäume, Ateliers, Tonstudios, aber auch ein neues Sendezentrum für Radio T und am Ende sogar ein Umzug des Atominos kochen im Kessel der Gerüchteküche. Was verbirgt sich also hinter diesem Projekt? Eine Spurensuche.

1. Ausgangslage:
Das erste Mal in den Fokus einer breiteren Öffentlichkeit rückte das Gebäude bei den letztjährigen Begehungen. Doch die Geschichte über eine mögliche Nutzung ist viel älter. „Ein klares Ergebnis der Bandbefragung ergibt, dass alle Bands ungefähr einen Umzug pro Jahr absolvieren müssen. Außerdem weisen die angebotenen Räumlichkeiten bezüglich sanitärer Einrichtungen, Größe und Sicherheit starke Mängel auf“, heißt es in einem Thesenpapier zur Förderung alternativer Kunststrukturen des Kulturbüros der Stadt Chemnitz vom März 2009. Autor dieses Thesenpapiers war Sören Gruner, der später das Bandbüro Chemnitz (B.B.C) gründete. Seiner Meinung nach hat sich an dieser prekären Lage nichts geändert: „Es gibt in Chemnitz insgesamt 30.000 leer stehende Wohnungen, Industriebrachen oder geschlossene Schulen. Trotz des unübersehbaren Leerstandes gibt es zu wenig Proberäume oder es fehlt an Ateliers, Studios oder Werkstätten, die den Künstlern kreativen Freiraum bieten.“

Bereits in jenem Thesenpapier wurde die jetzt zur Debatte stehende Karl-Liebknecht-Schule als ein mögliches Proberaumhaus genannt. „Unsere ersten Gedanken galten zu jener Zeit einem Kernprojekt mit 20-30 Bands, welche in einem Innenstadt-nahen Gebäude, wie zum Beispiel der Karl-Liebknecht-Schule, einziehen sollten. In der Umbauphase der Proberäume, sollten jedoch bereits Ateliers und Tonstudios entstehen sowie artverwandtes Gewerbe einziehen“, umschreibt Sören Gruner rückblickend den Ansatz. Dennoch dauerte es bis April 2010 bevor konkretere Schritte in Richtung dieses Pilotprojektes ausgearbeitet wurden. Dies lag unter anderem daran, dass die Städtische Musikschule auf Suche nach neuen Räumen ebenfalls die Karl-Liebknecht-Schule als Variante gewählt hatte. Eine endgültige Entscheidung, ob sie die Räumlichkeiten an der Mühlenstraße nutzen würden oder nicht, zog sich lange hin, während das Jahr der Wissenschaft die Karten bereits neu mischte.

2. Das House of Rock

2010 kommt von einer ganz anderen Seite Bewegung in die Thematik. Die TU Chemnitz bestätigt offiziell Pläne, wonach rund um den Brühl ein neuer Innenstadtcampus entstehen soll. Ein Entwurf des Architekturbüros Albert Speer & Partner benennt dabei den Brühl als studentisches Wohnviertel. Davon ausgehend entwarf das Bandbüro in Zusammenarbeit mit Peter Wright von der TU Chemnitz im April 2010 das Projekt K.I.E.Z..

Ziel des Projektes war eine Wiederbelebung der brachliegenden Flaniermeile Brühl in drei Phasen. Die erste Phase umfasste ein Modellprojekt in dem Gebäude Brühl 51, welches als House of Rock bekannt wurde. Dort sollten sowohl die sportmedizinische Forschung der TU in Form des Drumbeat-Projektes, als auch das Bandbüro und weitere Vereine einziehen. Nach einer einjähriger Nutzung im Rahmen des Jahres der Wissenschaften sollte ab Herbst 2011 zur Karl-Liebknecht-Schule gewechselt werden. So erhoffte man sich eine Initialzündung für die dritte Phase, die eine Erschließung des Brühls zum Wohnen und Leben vorsah. Doch nicht lange nach dem Brühl-51-Festival im September 2010 trennten sich die Wege von Peter Wright und dem Bandbüro. Während Wright weiterhin am Gebäude Brühl 51 festhält, konzentriert sich das Bandbüro seit Frühjahr 2011 direkt auf die Karl-Liebknecht-Schule.

3. Stand der Dinge

Die Karl-Liebknecht-Schule ist seit 2008 nicht mehr Teil des kommunalen Schulnetzes. Deshalb bietet, laut Aussage des B.B.C, die weitgehend intakte Infrastruktur optimale Voraussetzungen für eine Umnutzung. Die Schule umfasst vier Etagen mit jeweils zehn bis zwölf Räumen von 40 bis 65 qm Größe. Während die Proberäume, Ateliers und Tonstudios im Hauptgebäude entstehen sollen, sind die Turnhallen als Räumlichkeiten für den Club Atomino angedacht. Bereits über 30 Bands und Künstler haben großes Interesse bekundet in das Musik- und Kreativzentrum zu ziehen, unter ihnen Kraftklub, Dead Metropolis, Playfellow oder Bombee, genauso wie die bereits erwähnten Vereine Radio T und Atomino, die neben dem Bandbüro als Ankermieter fungieren sollen. „Nach zwanzig Jahren gründlicher Vorbereitung, der gewissenhaften Abwägung aller Risiken und Vorteile der Unternehmung, ist das Atomino nun Willens und in der Lage den Brühl zu besiedeln. Weltweite Erfahrungen haben gezeigt, dass das urbar machen von Wüsten, Urwäldern und Steppen am besten im Verbund mit Gleichgesinnten erfolgt“, äußert sich dazu Jan Kummer vom Atomino. Jörg Braune vom Radio T sieht dies ähnlich: „Gewissermaßen stehen wir schon seit 2002 am Tor zum Brühl und wissen diese Gegend zu schätzen. Ein kurzer Draht zu einem wichtigen Teil der regionalen Kulturszene ist ein Schwerpunkt, der sich in unseren Programm niederschlägt. Außerdem wollen wir weiterhin wachsen, was in unseren derzeitigen Räumlichkeiten nicht möglich ist.“

Nun steht und fällt dieses Projekt mit Bereitstellung des Gebäudes durch die Stadt. Die und insbesondere Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig bekunden großes Interesse an dem Vorhaben, was mit einer offiziellen Absichtsklärung bestätigt werden soll. Vor allem der Brandschutz, die Instandsetzung und Bereitstellung von Strom, Heizung, Wasser sowie die Schalldämmung bestimmen derzeit die Frage nach den möglichen Kosten der Umnutzung. Später sollen Mieteinnahmen das Projekt finanzieren. In den nächsten Wochen wird sich also entscheiden, ob aus den Gerüchten Fakten werden. Ergebnis könnte ein innenstadtnahes Objekt mit Bar, Club und verträumten Innenhof sein, bevölkert mit Musikern, Künstlern und Medienmenschen – Zutaten, die auch für den gemeinen Chemnitzer äußerst verführerisch klingen dürften.

Text: chezz

Erschienen im 371 Stadtmagazin 09/11

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