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Jan und der kurze Besuch

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Auf solch absurde Ideen kann man nur in Diktaturen kommen. Während Anfang der 50er Jahre große Teile der Chemnitzer Innenstadt einer Trümmerwüste glichen, entstand in Siegmar/ Rabenstein, am Pelzmühlenteich, ein kleines, schmuckes Arbeiterparadies.

Nach sowjetischem Vorbild wurde der erste stalinistische Kulturpalast Deutschlands, das Haus für Körperkultur mit Schwimm- und Sporthalle und umfangreiche Parkanlagen mit Wasserspielen, Blumenrabatten und Pavillons erbaut. Zwischen dem im neoklassizistischen Stil errichteten Kulturpalast und dem Sportgebäude prunkte ein großer, abends beleuchteter Springbrunnen. Die Wege, Straßen und Mauern auf dem Gelände wurden von dreiarmigen Bogenleuchten mit Opalglaskugeln erhellt. Den Pelzmühlenteich zierte ein romantisches Bootshaus im Stil einer Seebrücke. Die Mitarbeiter des sowjetisch-deutschen Uran-Bergbauunternehmens Wismut, Offiziere der Roten Armee und Chemnitzer Werktätige sollten sich hier von ihren anstrengenden Tätigkeiten erholen, Kultur genießen und lustwandeln. Der Kulturpalast beherbergte einen Theatersaal mit etwa 900 Plätzen, einen zweiten großen Saal für Tanzveranstaltungen, ein Restaurant und ein Café, eine Bibliothek sowie ein Damen-, Kinder-, Musik- und Billardzimmer. Das war ein deutlicher Kontrast zur alten, kaputten Industriemetropole. Hier entstand das neue kommunistische Leben, die Keimzelle einer neuen Stadt mit neuen Menschen und neuen Palästen. Doch dann stirbt Väterchen Stalin, es gibt 1957 einen Arbeiteraufstand in der DDR und der Uranabbau im Erzgebirge wird immer unlukrativer. Die Menschen raunen von Staublungen, Krebs und sogar einer geheimnisvollen „Schneeberger Krankheit“. Das Arbeiterparadies bekommt Risse. Die Werktätigen haben kaum mehr Lust, an den Stadtrand zu fahren, um sich zu amüsieren. 1967 wurde der Kulturpalast wieder geschlossen, in der benachbarten Schwimmhalle drehten nur noch ein paar einsame Vopos ihre Runden.

Die SDAG Wismut hatte kein Interesse mehr an flanierenden Werktätigen und vor allem am kostenintensiven Betrieb des großzügigen Gebäudes. Lieblos umgebaut wurde der Palast nun vom Fernsehen der DDR zum Studio Karl-Marx-Stadt. Nach der Wende verwandelte sich die Wismut in einen Sanierungsbetrieb, das Fernsehen zog nach Leipzig und derzeit sieht es auf dem Areal nach einem Sieg des Kapitalismus auf ganzer Linie aus. Ein bayrischer Investor will das Haus für Körperkultur in eine hochwertige Wohnanlage umwandeln und für den verrotteten Kulturpalast gibt es ähnliche Pläne. Zukünftig werden auf dem Gelände des früheren Arbeiterparadieses also eher gutverdienende Mittelständler bummeln. Der Kommunismus war kurz zu Gast in unserer Stadt, er kam allerdings nur bis zur Pelzmühle, nun ist er ganz verschwunden.


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