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Johannes legt Feuer

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Es ist keine Neuigkeit, dass für 371-Geschichten des Öfteren der Pfad der Legalität verlassen wird, um den Unterhaltungsgrad der Artikel zu steigern. (Diesmal nicht!) In der Vergangenheit wurde Geld vernichtet und Interviewpartner unter Androhung von Gewalt zu populistischen Aussagen gezwungen - um nur die Spitze dieses Eisbergs zu streifen. Neben der Frage, wie man heutzutage gesetzestreuer die Sensationslüste der Leserschaft befriedigen könnte, stellte sich mir nach der letzten Redaktionssitzung und meiner Themenwahl eine weitere:

Wie komme ich legal in die Wache der Berufsfeuerwehr Chemnitz?

Die Chemnitzer Brandstifterszene (Pyrocatharsis ausgeschlossen) scheint im Vergleich zu anderen Städten eher klein und harmlos. Selten brennen Mülltonnen, Autos oder gar ganze Straßenzüge. Aus diesem Grund ist es in unserer Region ohne ernstere Bedenken möglich, das Legen von Feuer auf legalem, offiziell angemeldetem Weg vorzunehmen, ohne von der Pyromanenlobby müde belächelt oder im schlimmsten Falle bedroht zu werden. Dafür muss man lediglich der ansässigen Feuerwache telefonisch oder persönlich einen Besuch abstatten, um die Größe und Art des Feuers abzuklären.  Knut Liebe, Brandoberinspektor der Berufsfeuerwehr Chemnitz, empfängt mich herzlichst am Eingang des Gebäudes auf der Schadestraße und als ihm meine interessierten Blicke beim Betreten der Wache auffallen, bietet er mir einen kleinen Rundgang an. Mein neugieriges Entdecker-Ich springt im Dreieck. Nach außen hin wahre ich meine Haltung und antworte etwas verlegen grinsend: „Ach, wenn es wirklich keine Umstände macht.“ Aber sind wir doch mal ehrlich: Wer hatte nie den Traum, mit einem kleinen, winselnden Dackel aus einem brennenden Haus zu erscheinen, ihn seinem bangenden Herrchen zu überreichen während im Hintergrund das Haus explodiert und anschließend der Presse als gefeierter Held Interviews zu geben. Diesen Arbeitsplatz will ich sehen! Diese Männer will ich sehen!

Bis jetzt wirkt alles ruhig. Ab und zu kommen uns uniformierte Mitarbeiter entgegen, die freundlich grüßen und mit ein paar Blättern Papier von Raum zu Raum streifen. Jeder, der hier meinen Weg kreuzt, ist groß und durchtrainiert. Herr Liebe erzählt mir viel über den Alltag auf der Wache. Wenn gerade keine Einsätze wegen Brand oder Austritt von Gefahrenstoffen anstehen, wird körperlich trainiert, im Ausbildungsraum Wissen in Physik, Chemie oder Englisch vermittelt oder die Fahrzeuge instand- und saubergehalten. Für ruhigere Minuten gibt es außerdem Zimmer, die mit Betten ausgestattet sind, da Feuerwehrleute nicht nur in 24-Stunden-Schichten arbeiten, sondern besser ausgedrückt, zwei komplette Tage auf der Wache leben. In jedem Zimmer befinden sich Warnleuchten, die im Falle des Alarms, zusätzlich zum akustischen Signal, aufleuchten oder blinken, dann muss alles in Sekundenschnelle einsatzbereit sein. Auch wenn ich den Ernstfall heute wahrscheinlich nicht erleben werde, spürt man in den Räumlichkeiten einen Hauch von Abenteuer, Gefahr und Lebensrettung. Beeindruckt von der filmreifen Kulisse stolpere ich in den Speisesaal, die ehemalige Turnhalle des Gebäudes. Sie ist bestückt mit Vitrinen, in denen die altertümliche Ausrüstung der Feuerwehrmänner früherer Tage ausgestellt ist. „Die Männer waren noch echte Helden“, sagt Herr Liebe, während er auf eine etwas düster dreinschauende Atemmaske blickt. Zwei Schläuche sind auf Nasenhöhe befestigt, ein weiterer am obersten Zipfel des Überzugs. Unschwer ist zu erkennen, dass damals keinerlei technische Hilfsmittel zur Verfügung standen, um die Leute, die sich ins Feuer wagten, mit Atemluft und Feuerschutz zu versorgen. Die Schläuche führten aus dem Gebäude hinaus, wodurch der Mutige Luft und Schutzwasser erlangte. Nicht nur diese Ausrüstung gehört der Vergangenheit an. Auch der Fuhrpark ist mit den pferdebetriebenen Löschkutschen von früher, die in vielen Räumen der Wache auf Fotos ausgestellt sind, natürlich nicht zu vergleichen. Nachdem mir Herr Liebe die Festwoche zum 150jährigen Bestehen der Chemnitzer Berufsfeuerwehr im September ans Herz gelegt hat, erwähne ich nochmals den Grund meines Kommens. Ich erfahre, dass die Größenlage und Form unseres geplanten Feuers keiner Anmeldung unterliegt, bedanke mich für die Offenheit und verlasse das Gebäude etwas wehmütig, morgen nicht wieder hier zur Arbeit erscheinen zu dürfen. Als ich spätabends am Lagerfeuer meinen Freunden von meinen neuen Erfahrungen und Eindrücken berichte, sind wir uns einig: Wenn wir noch einmal etwas jünger wären, würden wir auf jeden Fall Feuerwehrmann werden.

Text: Johannes Richter Foto: Maik Irmscher

 

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