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Kollektiv Kammern

Kammermachen zum neunten

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Das Festival kammerMachen zählt zu den Höhepunkten des Chemnitzer Kulturherbstes. Viel Neues aus Theater, Musik und Klangkunst geht in reichlich einer Woche über die Weltecho-Bühnen. 371 sprach mit Michael-Paul Milow, einem der Programmkuratoren über Tapes, Kollektive und Partys.

Das Programm erstreckt sich ganz nach eurem Motto „Festival für Theater, Musik und Klangkunst“ über eine ungeheure Breite an Themen und Formen. Wie kämpfen sich du und dein Ko-Kurator Jakob Lenk durch das Dickicht an Möglichkeiten? Wie wählt ihr aus, wer kommen darf und wer nicht?

Da gibt es eigentlich keine große, a la die guten in' s Töpfchen, die schlechten in' s Kröpfchen- Auswahl, man fängt mit etwas an und dann fügt es sich. Wir hatten in einem 371-Interview schon mal darüber gesprochen, dass es wie das Machen eines Tapes für einen guten Freund ist. Eigentlich denkt man auch nicht darüber nach, was nicht kommen kann und was weggelassen werden muss, sondern was passt.

Es ist die neunte Auflage des Festivals. Welche Erfahrungen der letzten Jahre sind in dieses Programm eingeflossen?

Alle (lacht). Natürlich schleicht sich da auch ein business as usual ein, natürlich hat man nicht die Programme drei Monate vorher fertig. Aber es läuft alles schon ein bisschen unaufgeregter ab. Spannend ist dann, wenn man so ein junges Programm wie dieses Jahr hat, nicht die alten Freunde aus den Augen zu verlieren...

Berühmte Namen sucht man im Festivalheft vergeblich. Ist das Absicht oder einem zu geringem Budget geschuldet?

Hatten wir schon so viele berühmte Namen? Wir haben zwei preisgekrönte Truppen da, mit welchen wir schon lange in Kontakt stehen. Barbara Latelova aus Prag mit ihrem Karneval der Tiere, ein aktivierendes Tanztheater für Kinder, das bei der dortigen Tanzplattform für ziemliche Furore gesorgt hatte. Außerdem Candlelight Dynamite aus Erfurt, ein Kollektiv aus hochkarätigen jungen SchauspielerInnen, die ich u.a. durch meine Jurytätigkeit für den Thüringer Theaterpreis kennenlernte und die uns Jury restlos begeisterte. „Der Freischütz“ ist auch vielgerühmt und mit das Beste, was in den letzten Jahren in Sachsen produziert wurde. Das sind auch alles ganz andere Produktionsformen: flacher, unhierachischer, das Ensemble in der Gesamtverantwortung eher als Kollektiv...

Trotz aller Kopflastigkeit, die so ein Festival naturgemäß hat, ist euch offensichtlich auch der Wunsch nach Zerstreuung nicht fremd. Neben den zwei Wochenend-Partys tauchen fast täglich die Festnomaden bei euch auf. Was haben die vor?

Wir wollten die Menschen nicht einfach so in eine kalte Herbstnacht entlassen. Deshalb kommen die Festnomaden, ein Dresdner Kollektiv, die mit Musik, Performance und jeden Abend neuer Raumgestaltung einen spannenden Abschluss schafft. Die begreifen Party eher als Ritual, intervenieren, bringen Unerwartetes rein. Musikalisch geht das dann von Funk bis Techno. Und letztendlich passen sie natürlich auch zu unserem Festivalschwerpunkt der kollektiven Produktion.

Du selbst präsentierst eine szenische Lesung von Thea von Harbous „Metropolis“, die literarische Vorlage für den gleichnamigen Filmklassiker. Was hat dich daran gereizt? Und wusstest du, dass von Harbou, genau wie du, mal am Chemnitzer Theater beschäftigt war?

Natürlich weiß ich das! Die hat überhaupt eine ganz spannende Biografie. In Weimarer Republik war sie gemeinsam mit ihrem Mann Fritz Lang das Künstler-Paar schlechthin und schrieb die Drehbücher für viele Filme des goldenen Stummfilmzeitalters. Später blieb sie in Deutschland, während ihr Mann emigrierte, und wurde neben Riefenstahl zur schillernden Dame im Nazifilmgeschäft. „Metropolis“ fand ich spannend, weil es wahnsinnig viele aktuelle Bezüge hat – das Sozialkritische, die Konkurrenz zwischen Mensch und Maschine. Darüber hinaus sind ihre literarischen Vorlagen von einer heute nahezu ausgestorbenen Sprache gekennzeichnet, sehr addjektivlastig, voller sprachlicher Bilder.

Vielen Dank für das Gespräch.

Interview: Lars Neuenfeld / Foto: Vojtech Brtnicky

KammerMachen-Programm 2015 im Weltecho

02.10.
20:00 Vernissage LIT
Klangkunst mit Alexander Wendt

21:00 Metropolis
Szenische Lesung vom Büro für Theatrale Strategien

22:00 Die Festnomaden
Musik & Performance

03.10.
17:00 LIT 1.1 ≫unmute≪
Klangkunst von Jasper Leyland & Alexander Wendt

20:00 Der Freischutz
Theater mit Lehmann und Wenzel

23:00 Dancehall Vibez „Refugees Welcome Edition“
Partymit Firesound & Phlatline Sound

04.10.
16:00 (im Fritz-Theater) Karneval der Tiere
Interaktive Tanzperformance für Kinder von Barbora Látalová & Co

17:00 LIT 1.1 ≫unmute≪
Klangkunst von Jasper Leyland & Alexander Wendt

18:00 WEIT
Eine Suite fur Schlagzeug, Elektronik und Fotografie von Demian Kappenstein

19:30 Die Festnomaden
Musik & Performance

05.10.
9:00 und 11:00 (im Fritz-Theater) Karneval der Tiere
Interaktive Tanzperformance für Kinder von Barbora Látalová & Co

17:00 LIT 1.2 ≫crackle and tension, surge and suspension≪
Klangkunst von Robert Curgenven & Alexander Wendt

19:00 Viertelmonat
Film

20:30 Toni Kater
Singer-/Songwriter Konzert

22:00 Die Festnomaden
Musik und Performance

06.10.
17:00 LIT 1.2 ≫crackle and tension, surge and suspension≪
Klangkunst von Robert Curgenven & Alexander Wendt

19:00 Viertelmonat
Film

20:30 The Pitch
Konzert

22:00 Die Festnomaden
Musik/Performance

07.10.
17:00 LIT 1.3 ≫residences de lumiere≪
Klangkunst von Jez riley French & Alexander Wendt

20:00 Sore Story
Theater und Performance aus Finnland

20:00 TangoBAR vs. Die Festnomaden
Musik und Performance

08.10.
17:00 LIT 1.4 ≫O.S.T.≪
Klangkunst von Alexander Wendt

20:00 Die wilden Schwane
Theater von Candlelight Dynamite

20:00 Die Festnomaden
Musik und Performance

09.10.
17:00 LIT 1.5 ≫reunmuted≪
Klangkunst von Alexander Wendt & Sandra Ka

20:00 Giganten des Universums
Theater-Remmidemmi von Candlelight Dynamite

22:00 Die Festnomaden
Musik und Performance

10.10.
19:00 LIT – Live Performance - Finissage
Klangkunst von Alexander Wendt, Jasper Leyland, Robert Curgenven, Jez riley French & Sandra Ka

22:00 Cold Sweat Special
Party mit Bataclan & Mothership Connection sowie der Funkband Schwarzkaffee

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