Kosmos mit eigenen Gesetzen

Atomino Art Festival belebt Crimmitschau

Atomino Art Festival

Die Zeiten, als Crimmitschau europaweit berühmt war, sind lange vorbei. Vor knapp 200 Jahren errichtete Ferdinand Oehler die erste Maschinenspinnerei in der Stadt, die „Stadt der hundert Schornsteine“ wurde in den folgenden Jahren zu einer Hochburg der Tuchproduktion und des Textilmaschinenbaus. Viel ist davon nicht übrig geblieben, einzig das Textilmuseum erinnert an diese glorreiche Epoche. In eben jenes Ausstellungsgelände sollen Ende August Gäste aus allen Ländern der Welt strömen. Grund: Das Atomino Art Festival.

Es ist ein Experiment, das an diesen Tagen in Crimmitschau über die Bühne gehen wird – und das im doppelten Sinn. Zum einen weil Musik, Bilder und Skulpturen, die hier geschaffen und ausgestellt werden, experimenteller Natur sind. Zum anderen weil das Credo „nichtkommerziell“, unter dem die Veranstaltung steht, ohne Ausnahmen umgesetzt wird: Weder wird von den Besuchern des Festivals Eintritt verlangt, noch wird den Künstlern ein Honorar gezahlt, einzig die Kosten für Anreise und Übernachtung werden teilweise übernommen. Tina Pagel (Foto), Koordinatorin des Festivals, war dies besonders wichtig.

Ihrer Meinung nach sollte Kunst nicht als Produkt in einem Markt verstanden werden, denn das würde dazu führen, dass einige Kompromisse eingehen und von ihrer Kunst leben könnten, während der Großteil der Künstler keine Beachtung finde. Beim Atomino Art Festival, das übrigens nicht mit dem gleichnamigen Chemnitzer Club verwandt ist, sollen die wirtschaftlichen Erfolge der Künstler keine Rolle spielen: „Wir können das Geld nicht ganz außen vor lassen, aber wir versuchen ein Atomino-Universum zu schaffen, in dem alle Künstler gleich behandelt werden, egal ob sie Student oder Professor sind.“ Die Weigerung Honorare zu zahlen ist nicht bei allen Künstlern auf Wohlwollen gestoßen, einige hätten abgesagt und den Organisatoren Ausbeutung der Künstler vorgeworfen – genau das, was Lehramtsstudentin Pagel und ihre Mitstreiter am Kunstgeschäft kritisieren.

Der Zuspruch sei trotzdem groß gewesen: Maler, Musiker, Bildhauer und Fotografen aus vielen Ländern Europas, den USA und sogar aus Lateinamerika haben ihr Kommen angekündigt. Ausstellen und übernachten werden sie im Textilmuseum. Leerstehende Räume werden als Ateliers genutzt, ungenutzte Museumsgegenstände in Kunstwerke mit eingebaut und die Innenhöfe des Gebäudekomplexes zu Zeltplätzen umfunktioniert. Ein großer Aufwand für das Museum, von dem sich Mitarbeiter Michael Mitzschke (Foto) aber auch etwas verspricht: „Wir wollen etwas Leben in die alten Hallen bringen.“

Für alle, die es doch nicht nach Crimmitschau schaffen, halten die Organisatoren übrigens eine weitere Neuerung bereit: Via Livestream soll das Festival im Internet übertragen werden. Das Atomino Art Festival, erklärt Tina Pagel, sei vor allem über Facebook groß geworden und soll deswegen allen Interessierten weltweit gezeigt werden – natürlich kostenlos. „Wir wissen, dass wir das System nicht komplett ändern können, weil wir alle Teil davon sind, aber in unserem kleinen Mikrokosmos hier können wir kleine Dinge ändern.“ Kleine Dinge, die im Kunstgeschäft revolutionär sind, kleine Dinge, die Crimmitschau zu einem Mekka der experimentellen Kunst werden lassen könnten.

Mehr Informationen unter: www.atomino.eu

erschienen im 371 Stadtmagazin: 08/2010,
Text & Foto: Benjamin Lummer

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