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Langsam ins Neuland

Kein kostenfreies Wlan in der City

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Stell dir vor, du betrittst die Chemnitzer Innenstadt, sagen wir mal an der Inneren Klosterstraße und schwupps kannst du dich in ein leistungsstarkes Wlan einloggen, kostenfrei und anonym natürlich. Auf deinem Weg durch die Stadt, sagen wir mal bis zum Brühl oder zum Bahnhof, verlässt dich dieses Netz nicht mehr, weil sich geschmeidig ein Hotspot an den anderen reiht. Du kannst natürlich auch ein Päuschen im Stadthallenpark machen und dich von dortaus bequem mit der Welt connecten.

Wie - zu sehr Zukunft? Tatsächlich könnte das schon Realität sein, doch leider musst du noch darauf warten. Neuland ist in Chemnitz nämlich noch unentdeckt. Und das wird noch ein Weile so bleiben.

Was in vielen Großstädten des Baltikums und Skandinaviens ganz normaler Alltag ist, kommt in der Wifi-Wüste Deutschland nur langsam in die Gänge. Immerhin: Dass der flächendeckende Ausbau von kostenlosen Wlan-Netzen an bestimmten Orten durchaus Sinn macht, hat die Politik so langsam, ein bisschen, begriffen. Förderprogramme sollen den Ausbau voranbringen, und genau hier regt sich der SPD-Stadtrat Jörg Vieweg mächtig auf: „Meiner Meinung nach hat die Stadtverwaltung gepennt und bereitstehende Fördermittel für den Ausbau eines freien, innerstädtischen Wlan-Netzes schlicht nicht abgerufen.“ Vieweg meint damit Mittel aus dem Förderprogramm namens Digitale Offensive Sachsen. Neben dem Breitbandausbau, wofür Chemnitz übrigens 20 Millionen Euro Fördermittel erfolgreich abgefasst, können damit Wlan-Hotspots finanziert werden. „Fördergegenstand sind Investitionsvorhaben zur Ausstattung von WLAN-Hotspots an touristischen Zielen. Diese müssen frei zugänglich und öffentlich - das heißt kostenlos und für jedermann - sein und eine nachgewiesene touristische Relevanz besitzen. Die installierten Hot Spots sollen Besuchern einen drahtlosen Internetzugang mit Smartphones und Tablets ermöglichen“, heißt es auf der Website zum Förderprogramm. Die Zeit drängt, denn immer mehr kommerzielle Anbieter haben die stark frequentierten Städte, und dazu zählt durchaus die Chemnitzer Innenstadt, wenn auch nicht immer, im Blick. Auch sie bieten Wlan-Hotspots kostenfrei an, ihr eigentlicher Fokus liegt aber darauf, Nutzerdaten abzugreifen. Genau das sollte aber verhindert werden.

Der flächendeckende Wlan-Ausbau ist beileibe keine neue Idee. Bereits seit 2011 setzen sich die netzaffinen Menschen vom Chemnitzer Freifunk e.V. für ein offenes und vor allem anonymes WLAN- Netz ein.Getreu ihres Vereinsmottos „Home is wherever there is good wifi“ werkeln die Ehrenamtler an einem freien Netz, allerdings ohne irgendeine finanzielle Unterstützung, lediglich Spenden helfen beim Freifunk-Vorhaben. Ihnen geht es um mehr als nur ums Surfen – das Thema Informationelle Selbstbestimmung steht im Mittelpunkt ihrer Arbeit. „Wir wollen mit unserem technischen Hintergrundwissen allen Nutzern ein Stück Anonymität zurückgeben und eine providerunabhängige Infrastruktur schaffen.“

In der Innenstadt betreibt der Verein einen Hotspot im Tietz. Auf dieses Engagement verweist die Stadtverwaltung auch in der Beantwortung von Viewegs Ratsanfrage zum Thema. Ansonsten gibt man sich behäbig: „Die Einrichtung öffentlicher Hotspots an weiteren Standorten (...) muss jedoch durch die zuständigen Fachbereiche anlassbezogen geprüft werden.“ Außerdem schiebt man diese elementare Infrastrukturmaßnahme zu stadteigenen Wirtschaftsförderfirma, der CWE, weiter. „Die CWE sieht vor dem Hintergrund der Belebung und Attraktivitätssteigerung der Innenstadt einen möglichen Bedarf im WLAN-Ausbau, vorzugsweise in einem ersten Schritt im Innenstadtkern.“ Aktuell werde dieser Ausbau dort auf Wirtschaftlichkeit und Fördermöglichkeit geprüft. „Neben der reinen Investitionsmaßnahme gilt es vor allem, laufende Betriebskosten und deren Refinanzierung für ein langfristig tragfähiges Modell zu klären.“ Wirklich auf der Höhe der Zeit zeigt sich die Stadtverwaltung der Moderne hier nicht. In anderen Städten ist man da viel weiter. Beispiel: Im niedersächsischen Braunschweig hat man bereits 2016 einen Testlauf gestartet, nun baut man in großem Maßstab die innerstädtische Wifi-Versorgung aus. 27 Hotspots baut die BS|Energy, ein städtisches Energieunternehmen, vergleichbar mit der hiesigen eins energie, bis Mai 2018 auf.  

Ganz angefahren ist der Fördergeld-Zug aber noch nicht. Vieweg verweist darauf, dass auch 2018 wieder Anträge gestellt werden können. „Bis dahin muss ein förderfähiges Konzept stehen“, fordert er. Wenn das klappt, könnte dieser Teil von Neuland zumindest bis 2020 entdeckt werden.

Text: Lars Neuenfeld

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