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Lars fehlt etwas

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Ich wohne in einer dieser viel zu großen Kaßberg-Buden mit Stuck und Parkett. Das Haus dazu ist so schön, dass Fotos davon immer wieder in Imagebroschüren auftauchen, um zu verdeutlichen, wie toll man in diesem Viertel wohnt.

Ich kann innerhalb von 10 Fuß-Minuten im Edeka, im Bioladen, in der schönsten Buchhandlung, in meiner Lieblingskneipe und in der Innenstadt sein. Ich zahle fünf Euro kalt. Meine Freunde aus Dresden, Berlin und dem Westen des Landes weinen immer, wenn ich ihnen das erzähle. Und ich lache sie ein bisschen aus. Und trotzdem: Mir fehlt etwas. Mir fehlt das Voxxx.

Mittlerweile ist eine Generation herangewachsen, die dieses Kulturmonster gar nicht mehr kennt. Um es diesen mal zu erklären und allen anderen ebenso schmerzlich wie mir in Erinnerung zu rufen: Das Voxxx war der mit Abstand coolste Laden, den die Stadt je hatte. Durchschritt man den alten Torbogen und bog in den wildumwucherten Innenhof ein, war man in einer anderen Welt. Das war nicht mehr Chemnitz, das war nicht mal mehr Kaßberg. Das war ein Stück weite Welt. Das Voxxx hätte genauso auch in Barcelona, Brooklyn oder Soho stehen können.

Elf Jahre sind seit der Schließung vergangen. Damals erwarteten alle, dass sich ein paar Immobilienheinis aus ihren dicken Autos schälen und hier das Stinkreich-Ressort der Stadt entwickeln. Aber was danach tatsächlich kam, kann man eigentlich nur als Desaster beschreiben, als ästhetisches Gruselkabinett. Im Innern lungern nun willenlose Wiesen herum, darauf steht ein Haus, das einem Tetris-Spiel entsprungen scheint. Aber damit nicht genug. Aus einem Gebäudeteil wurden Scheibenhäuser gemacht, indem man ihn längs in vier Scheiben zerschnitt, wie ein Brot. Schmale Häuslein sind das nun, in denen alle Zimmer übereinander liegen. Was bitte soll das sein? So etwas braucht man vielleicht in Tokio, aber doch nicht in Chemnitz. Last but not least baute die Limbacher KPM-Bau auf dem Gelände gleich vier ihrer Eigentumswohnungshöllen, die momentan in immer der gleichen Bauweise den Kaßberg verschandeln. Zwei davon stehen auf dem Geländeteil, auf dem einst eine prachtvolle Halle stand, die seltsamerweise im Sommer 2006 in Flammen aufging (Brandstiftung, nie aufgeklärt). Der Weg dahin war aber erst frei geworden, als 2013 endlich auch das denkmalgeschützte Tonnengewölbe krachend einstürzte.

Am meisten schmerzt aber mit anzusehen, wie das eigentliche Voxxx-Gebäude, also da wo einst Eingang, Galerie, darüber Büros und der große Kino- und Konzertsaal waren, verfällt. Es steht quasi immer noch so da wie 2005, außer dass über dem alten Eingang ein riesiges Loch in der Wand klafft. Dadurch und über die geöffneten Dach- und Seitenfenster dringt nicht nur jede Witterung ein, nein auch hunderte Tauben nutzen sie als Einflugschneise zu ihren Nestern. Warum dieses eigentliche Filetstück des Gebäudeensembles bisher unsaniert blieb, ist rätselhaft. Auf dem Kaßberg munkelt man, dass Grund und Boden verschiedenen Personen gehören, die einst gemeinsam das Gelände entwickeln wollten, sich aber über die Jahre zerstritten. Keine Ahnung, weiß ich nicht, aber ich sehe, dass dieses einmalige Haus nicht mehr lange so stehen wird. Hier ist ganz offensichtlich Gefahr in Verzug.

Aber warum sollte man sich für den Erhalt stark machen, wenn am Ende daraus vielleicht noch mehr Scheibenhäuser geschnippelt werden? Das darf natürlich nicht passieren. Dieses Haus muss wieder das werden, was es mal war: Ein Ort der Kultur. Der Kaßberg braucht so einem Ort mehr als dringend, denn der dicht besiedeltste Stadtteil von Chemnitz ist kunstmäßig verödet. Sicher: Das Voxxx wird nicht mehr zurückkehren. Aber ein neuer Kultur-Hotspot unter alter Adresse muss nicht schlechter sein. Also, liebe Kulturhauptstadt in spé: Gebäude kaufen, sanieren und als Galerie, Kino, Konzertsaal und Bar glanzvoll neu eröffnen!

Text & Foto: Lars Neuenfeld


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