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Lars hat Schmerzen

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Ab 40 horcht man in seinen Körper und erwartet eigentlich jeden Moment den Schlaganfall. Taubheitsgefühle an den Extremitäten sind dafür ein sicheres Anzeichen und daher werde ich, vielleicht auch du, froh sein, wenn ich diesen Text zu Ende bekomme. Bevor er zuschlägt, der Schlaganfall. Oh Gott, was für ein elendes Wortspiel. Mein Gehirn zeigt auch schon erste Lähmungserscheinungen.

Aber ich muss schreiben, auch wenn es weh tut. Das ist ja das Seltsame: Die Phase der tauben Glieder habe ich schon hinter mir. Das war letztes Jahr ganz schlimm, jetzt erfahre ich eher so eine Hypersensibilität. Vor allem in der linken Hand. Meine Fingerkuppen schmerzen, als hätte jemand (ich?) mit dem Hammer draufgeschlagen, gleichzeitig geht von den Fingergelenken ein heißer, wummernder Schmerz aus. Perfide wechseln dabei die Aua-Quellen. Heute der Mittelfinger, gestern der Zeigefinger, morgen alle und tags drauf wieder nur der Daumen. Es ist, als würde mich ein unsichtbares Wesen foltern. Daumenschrauben, Fingerquetsche, jeden Tag.

Ich brauche meine Finger. Ich bin Autor, ich hämmere für jeden hörbar auf meiner Tastatur herum. Wenn ich das nicht mehr kann, bin ich am Arsch. Mit nur einer funktionierenden rechten Hand tauge ich höchstens noch zum Eisverkäufer. Aber ich wollte doch durchstarten und beruflich erfolgreich sein. Ein angesehener Journalist werden. Deshalb habe ich mir auch gedacht, dass es kein Problem ist, was zur AOK zu schreiben. Von ihrem Headquarter am Schlossteich aus betreut die selbsternannte Gesundheitskasse 64.000 Versicherte in Chemnitz. Jährlich gibt sie einen „Gesundheitsbericht“ heraus, eine Ansammlung statistischer Daten, die in Wahrheit nur sagen, wie krank Sachsen ist. Genau das soll mein Aufhänger sein. „Schockierend! So krank ist Chemnitz wirklich!“ Ich wühle mich also durch die Zahlenberge, meine linke Gesichtshälfte scheint dabei etwas weniger mitzugehen als die andere. Bilde ich mir das ein? Die meisten Schlaganfälle merkt man ja gar nicht. Die Chemnitzer erkranken deutlich häufiger an Herz-Kreislauf-Zeugs als die Dresdner. Dafür sind die Landeshauptstädter anfälliger für psychische Erkrankungen – was niemanden verwundern sollte (haha, Pegida-Bashing untergebracht).

Die Chemnitzer AOK sitzt in einem der schönsten Bauten der klassischen Moderne der Stadt. Die Leute, die hier arbeiten, haben es bestimmt schön, denke ich mir so. In der Mittagspause chillen sie am Schlossi oder träumen sich weg im Klein-Heidelberg am Schlossbergfuss. Werden AOK-Angestellte eigentlich weniger häufig krank als andere Büromenschen? Laut „Gesundheitsbericht“ sind Beschäftigte in der öffentlichen Verwaltung und in den Sozialversicherungen die kränklichsten überhaupt. Why? Ich meine, sicherer Job, Tariflohn, Gummibäume und Windows 10 – was will man mehr. Sorry, aber ich glaube, da sattelt jemand fleißig was auf seine 30 Urlaubstage drauf. Das kann ich aber nicht einfach behaupten, dass muss ich beweisen. Kann man das googlen? Upps, die Jana Peters von der Freien Presse hat da schon was zu geschrieben. Schön, wie sie Zahlen, Prozente und Krankheiten aneinanderreiht. Und wow, die vergleicht sogar die Statistiken von drei Krankenversicherungen. Was? „So erkrankten in Chemnitz Männer öfter am Herz-Kreislauf-System (plus 81 Prozent)“ - sag ich doch!

Ich arbeite in der freien Wirtschaft. Ich schreibe diesen Text unter wahnsinnigen Schmerzen. Mein Monitor ist heute so unscharf. Was esse ich eigentlich zum Mittag? Frag nicht, was deine Krankenkasse für dich tun kann, frag, was du für deine Krankenkasse tun kannst. Sollte ich Sport treiben? Hätte ich vor zehn Jahren anfangen sollen, Sport zu treiben? Rauchpause. Ok, langsam, ich versuche jetzt mal, nur mit der rechten hand zu schreiven. Die leipziger haben mehr verdauungsbeschwerden als die chmnitzer, die dresdner sind habeb aber noch einen deutlich besseren stuhlgang. Krass waru wo ist die tastatur wie was warum ruft hier immer jemand hallo hallo hal

Text: Lars Neuenfeld Foto: André Koch


Von Ecken und Enden: Am Ursprung
Eigentlich relativ unspektakulär. Hier, so am Ursprung. Hier, wo im Jahr 1136 mit der Gründung eines Benediktinerklosters gleichzeitig die Geschichte von Chemnitz beginnt.

Nina zieht um
Chemnitz hatte bis in die Neuzeit einen Türmer. Nun ist das Amt verwaist. Für Nina Anlass genug, mal über ihre Zukunft nachzudenken.

Michael schlägt den Bogen
Also wenn die Chemnitzer Museumslandschaft die Fanta Vier sind, dann ist das Schlossbergmuseum Andy Y. Während die anderen drei ständig im Rampenlicht stehen, sitzt das Schlossbergmuseum unauffällig im Hintergrund und haut die Baselines raus, die das Ganze zusammenhalten.

Jan und der Nasenbrunnen
Ist der blumige Brunnen auf dem Schlossberg das Ergebnis von Erich Honeckers Schnupfen? Vielleicht.

Szymmi geht zur Gastro um die Ecke
Das Fachwerk-Viertel am Schlossberg gilt als Chemnitzer Bermuda-Dreieck der gutbürgerliche Gastronomie. Szymmi speiste hingegen im Gastro-Eck, nur 100 Meter entfernt, und fand eine ehrliche Hausmannskost.

Johanna geht spazieren
Es gibt Orte in Chemnitz, die sind tatsächlich schön, und deshalb fast schon wieder hässlich. Der Schlossteich könnte so ein Ort sein. Oder besser: Er ist so ein Ort.

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