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Lieber groß gescheitert, als klein bestanden

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Szenenbild: Peter Schneider in "Die Summe meiner einzelnen Teile"

„Die fetten Jahre sind vorbei“ ist einer der bekanntesten Filme des Erfolgsregisseurs Hans Weingartner. In seinem neuen Film „Die Summe meiner einzelnen Teile“ hat er sich für die Hauptrolle den talentierten Charakterdarsteller Peter Schneider geangelt, dessen fette Jahre noch lange nicht vorbei sind. Begonnen hat der nämlich seine Erfolgskarriere am Chemnitzer Schauspielhaus.


In „Die Summer meiner einzelnen Teile“ spielst du einen Mann, der an seinem Leben und den hohen Anforderungen gescheitert ist und nun mit psychischen Problemen zu kämpfen hat. Wie hast du sich auf diese Rolle vorbereitet? War sie besonders schwierig für dich?
Was heißt schwierig? Es ist ja nun auch Teil meines Berufes, sich auf solche Sachen vorzubereiten. Aber es war schon etwas besonderes von der Komplexität und Psychologie der Hauptfigur her, solche Rollen bekommt man nicht jeden Tag angeboten. Zur gezielten Vorbereitung bin ich ganz verschiedene Wege gegangen. Beispielsweise war ich ein paar Mal in einer sehr großen Psychiatrie in Altenburg und habe mich bei den dortigen Psychologen über das Krankheitsbild erkundigt. Mit meiner Schwägerin, die auch Psychologin ist, habe ich mich auch sehr viel darüber unterhalten. Dann ging es natürlich weiter mit dem Üben der Textpassagen meiner Rolle und auch den Gang von ihm habe ich einstudiert. Ich bin sogar durch Leipzig gerannt und habe die Quersumme von Nummernschildern gebildet, um mich besser in die Rolle hinein versetzen zu können. Zusammen mit Hans Weingartner hatte ich natürlich auch eine sehr intensive Probephase, in der wir die Figur Martin zusammen erschlossen haben.

Könntest du dir auch so ein naturnahes Eremiten-Dasein vorstellen, wie die Hauptrolle es zeitweise führt, oder bist du doch eher der Großstadttyp?
Nein, also das kann ich mir gar nicht vorstellen. (lacht) Ich bin ein totaler Stadtmensch. Eigentlich habe ich erst durch den Film wieder zurück zum Wald gefunden. Als Kind war ich schon sehr viel mit meinen Eltern im Wald und hab da gespielt, es aber leider durch den Alltag ganz lang vergessen. Durch die Dreharbeiten jedoch, wo wir auch viel im Wald gearbeitet haben, bin ich irgendwie „back to the nature“ gekommen (lacht) und habe mich an meine Kindheit zurück erinnert.


Also wird dein nächster Urlaub doch eher ein Zelturlaub?
Ja na klar, dass machen wir dann schon öfter. Mit meiner Familie bin ich häufiger im Camping-Urlaub. Das mögen wir sehr gern.

Auch in „Berlin Calling“ verkörperst du ja eher einen schwierigen Charakter. Spielst du gern solche „Outsider“-Typen, oder würdest du auch gern mal eine leichte Komödie spielen? Beispielsweise mit Michael Bully Herbig oder so?
Ich finde solche komplexeren Charaktere und gebrochenen Typen sind schon eher die interessanteren Rollen und für einen Schauspieler auch eine schöne Aufgabe, aber dass ich öfter so besetzt werde, ist eher Zufall. Es hat sich eben so ergeben und ich mache das natürlich auch sehr gerne. Jeder Schauspieler ist zwar auch gerne Komödiant und ich würde so etwas auch gern mal spielen, aber der deutsche Filmhumor in den neueren Komödien spiegelt jetzt nicht unbedingt meinem Humor wieder, was ein Grund dafür wäre, so etwas eher nicht zu spielen.


Also wählst du deine Rollen nach bestimmten Prämissen aus?
Ja klar, also vom Prinzip her sind das immer drei große Fragen, die ich mir stelle. Zum einen der Inhalt: wie sind die Figuren charakterisiert und wie ist das  Drehbuch gemacht. Zum Zweiten -was für mich eine sehr entscheidende Rolle spielt - mit wem man zusammenarbeitet, also ob sich die ganze Sache gegenseitig befruchten kann und sich daraus etwas Gutes entwickelt. Zum Dritten ist auch der zeitliche Faktor entscheidend. Ich guck da auch sehr genau was ich mache und was nicht, denn ich will schon gern das Gesamtpaket mit Film und Theater erfüllen können und jeder Sache gerecht werden.

Du bist ja nicht nur erfolgreicher Filmschauspieler, sondern auch in Musik und Theater beheimatet. Wenn du  dich entscheiden müsstest, welcher Sparte würdest du am liebsten in deinem weiteren Leben nachgehen? Kannst du das so sagen?
Nein, das kann ich so überhaupt nicht sagen. Es hängt natürlich total viel davon ab, wie sich die einzelnen Sparten entwickeln. Wenn man an die mittel- und ostdeutschen Theater schaut, wie diese Zerstörung von Strukturen da vonstatten geht, indem man hinten und vorne die Gelder kürzt und alles streicht, was nur geht, da wird es äußerst schwierig sein, an diesen Häusern noch zu arbeiten und man hat gar keine Möglichkeiten mehr, gutes Theater zu machen. Die Qualität wird darunter eben enorm leiden, was ich wirklich mit bedauern betrachte. Letztendlich würde ich mich aber gar nicht entscheiden wollen, was ich mein Leben lang mache. Es kommt immer auf die Stoffe an, die verarbeitet werden, mit welchen Leuten man arbeitet und, was für mich als Berufsschauspieler auch sehr wichtig ist, ob man davon leben kann. Oder das ein oder andere läuft dann eben als Hobby nebenher .(lacht)

Du hast von 2000 – 2002 als Schauspielstudent am Chemnitzer Theater gewirkt. Wie sind deine Erinnerungen an die Stadt?
Das war für mich eine total schöne Zeit, an die ich mich auch gern zurück erinnere. Wir haben in einem tollen Theater mit ganz vielen netten Leuten gearbeitet und durften auch viele verschiedene Sachen spielen. Ich bin ja damals als Schauspielstudent von Leipzig nach Chemnitz gekommen und es war für mich dahingehend sehr wichtig, dass ich mich sozusagen abnabeln konnte von Leipzig und der Hochschule. Deshalb finde ich es wirklich schlimm und traurig, dass das Studium jetzt nicht mehr in Chemnitz ist und alle Hochschulen diese Metropolensucht an den Tag legen. Für mich als Student wäre das nicht gut gewesen, ich wollte richtig nach Chemnitz um auch von meiner Hochschule Abstand zu bekommen. Es war einfach eine wunderbare Zeit da, muss ich echt sagen.


Hast du noch Kontakt zu Kollegen oder Freunden aus deiner Chemnitzer Zeit?
Ja, ich hab schon noch häufiger Kontakt zu Kollegen, die auch noch hier sind. Beispielsweise mit Klaus Gregor Eichhorn, den ich in Chemnitz kennen gelernt habe, bin ich sehr eng befreundet und habe auch schon bei zwei seiner Filme mitgespielt. Durch ihn erfahre ich natürlich was in Chemnitz passiert.


2009 bist du nach Chemnitz gekommen, um eine Rolle bei der Filmwerkstatt-Produktion „3 Patienten“ von Gregor Eichhorn zu übernehmen. Warum? Geld gab es da ja sicher kaum zu verdienen.
Wie gesagt, kenne ich den Gregor ja privat und mag es auch sehr, wie er arbeitet. Die Drehbücher fand ich auch gleich sehr gut und dann ist es ja auch schön, wenn man nach einiger Zeit wieder zusammen kommt und etwas zusammen macht. Solang ich mir das leisten kann, würde ich es jederzeit wieder machen. Es ist immer wieder schön und wichtig, junge Filmemacher zu fördern und zu unterstützen und bei begabten Leuten lohnt sich das einfach.

Du hast nun schon mit Regiegrößen wie Edgar Reitz, Dominik Graf oder Ulli Edel gearbeitet, nun mit Hans Weingartner. Auf den Anruf welches Regisseurs wartest du noch sehnsüchtig?
Ach, da gibt es einige!(lacht) Martin Scorsese, David Fincher, Quentin Tarantino, Christian Petzold, Andreas Dresen - es gibt schon ein paar tolle Filmemacher und Produzenten in Deutschland und weltweit, die ich ganz gerne noch bei der Arbeit kennen lernen würde. Ich kann gar nicht alle aufzählen, und ich will auch keinem gegenüber ungerecht sein, wenn ich ihn vergesse.


Joachim Fuchsberger meinte einst auf die Frage nach einer großen Hollywood-Karriere: „Lieber ein großer Fisch im kleinen Teich, als ein kleiner Fisch im Ozean“ Was hältst du von dieser Auffassung?
Gar nicht mal auf Hollywood bezogen, aber ich bin schon jemand, der groß denkt. „Lieber groß gescheitert, als klein bestanden“ ist schon eine Lebensmaxime von mir, die ich auch versuche umzusetzen. Egal, welchem Beruf man nachgeht, finde ich, sollte man sich doch immer an Höherem orientieren und versuchen, voran zu kommen. Also global denken und lokal handeln (lacht).


Du bist Schauspieler und Musiker gleichermaßen. Damit bist du prädestiniert für einen Biopic über Musiker. Welchen Musiker würdest du gern mal in einem Film verkörpern?
Rio Reiser! Ich finde seine Texte super, seinen Lebensweg spannend, und er hat ja auch selber viel Theater gespielt und Film-und Bühnenmusiken geschrieben, was viele Leute gar nicht wissen. Dadurch fühle ich mich ihm schon sehr verbunden. Er war ja selber auch in Chemnitz und hat hier in den 90igern gearbeitet. Es gibt von ihm soviel ich weiß auch noch einen berühmten Bierfleck auf dem Teppich des Kapellmeisterzimmers, wo ihm bei seinem Besuch die Bierflasche umgefallen ist. Keine Ahnung, ob´s den da noch zu bewundern gibt. (lacht)


Du bist oft im Kino zu sehen, im TV aber eher selten. Mangelt es da an interessanten Angeboten oder ist das eine bewusste Auswahl?
Nein, das ist keine bewusste Wahl. Ich mache natürlich sehr gern Kinofilme, aber die Angebote vom Fernsehen, die man auch gerne machen will, waren bis jetzt leider sehr rar. Das hat sich bei mir von allein so entwickelt. Wobei ich sagen muss, dass es auch tolle Produktionen gibt, wie „Speer und Er“ oder „Heimat 3“, die fürs Fernsehen gemacht wurden, oder auch „Weißensee“ , bei der ich jetzt nicht selber mitspiele, aber sehr toll finde. Also es ist nicht so, dass ich das Fernsehen verteufle, überhaupt nicht. Im Gegenteil. Ich finde es sogar sehr wichtig, dass es auch hochwertige Produktionen fürs TV gibt, und die würde ich super gern machen.

Was sind deine Pläne für die Zukunft? Hast du neue Projekte in Aussicht? Auf was dürfen wir uns noch freuen?
Jetzt im April drehe ich einen Film in München und den Sommer über ist ein großes Projekt am Stadttheater in Karlsruhe in Planung, was beides erstmal coole Sachen sind. Ansonsten gibt es außer diesen Beiden jetzt nichts Spruchreifes, über was man jetzt schon groß reden kann. Das ist immer so eine Sache. Aber ich würde mich natürlich sehr freuen, wenn ich die Möglichkeit hätte, Film,Theater und Musik weiterhin in meiner Arbeit zu verbinden, dass ich es in der Form weiter machen kann, wie bisher. Das wäre wirklich ein großer Wunsch von mir, wenn das so klappt.

Vielen Dank und viel Erfolg für deine weitere Zukunft!


Interview: Saskia Zschorch Foto: Presse

Erschienen am 22.3.2012

 

Der Film läuft am 22.3 und vom 25. - 28.3. im Weltecho, am 30.3. im Filmclub Mittendrin

Weitere Infos zu Peter Schneider gibt es auf seiner Website www.peter-schneider.tv

Und wir haben tief im 371-Archiv gegraben. Hier ein Artikel über Peter Schneider als Student, Ausgabe September 2001!

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