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Lisa kassiert ab

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Ich habe während meines Studiums im berühmten Kaßberg-Edeka an der Kasse gearbeitet und fand es den Großteil der Zeit eher interessant als ätzend. Erstmal klingt Kassenjob ja reichlich unglamourös, aber diese Monate haben mir einen sehr dezidierten Einblick in die Psyche des gemeinen Kaßbergers verschafft, den ich so nicht mehr missen möchte.

In den Supermarkt an der Weststraße, der 2010 eröffnet wurde, kommen sie tagtäglich alle: Hier kaufen Rockstars ihr Klopapier und Stadtmagazin-Chefs ihr Pausenobst, friedlich neben handelsüblichen Chemnitzerinnen und Chemnitzern. Hier kaufen viele Leute immer nur eine sehr übersichtliche Anzahl an Lebensmitteln – aus sicheren Quellen weiß ich, dass es Menschen gibt, die absichtlich auf den gutbürgerlichen Wochen-Großeinkauf verzichten, nur um den täglichen Edeka-Gang nicht missen zu müssen. Hier kaufen Uni-Professorinnen und Professoren Bio-Lebensmittel genauso wie Studentinnen und Studenten acht Flaschen Mate und einen Absolut. Wie eigentlich zu erwarten wäre, sind Montag, Freitag und Samstag die absoluten Spitzenreiter was Kundenmasse angeht. Die beliebteste Uhrzeit für die fast 13.000 Kunden wöchentlich ist dabei, nach Aussage der Marktleitung, vormittags gegen 10 Uhr und dann nochmal 17 und 21 Uhr. Die Kaßberger Bevölkerung ist somit vermutlich zur einen Hälfte fauler Student, der um 10 aufsteht und 21 Uhr sein letztes Bier kauft, zur anderen Hälfte stinknormaler Arbeitnehmer mit geregeltem Feierabend.

Sicher habe ich den Job auch manchmal gehasst, rückblickend habe ich allerdings eine sehr verklärte und wundervolle Erinnerung an die Zeit. Vergessen sind all diejenigen, die dreizehn verschiedene Brötchensorten und doppelt so viele exotische Früchte gekauft haben – glaubt mir, es hilft nur sehr wenig, wenn ein genervtes Augenrollen die panische Suche nach der korrekten sechsstelligen Nummer begleitet. Vergessen sind ebenso die Witze, die wohl suggerieren sollen, dass man sich dem Menschen hinter der Kasse total verbunden fühlt: Zu wenig geben und „Stimmt so!“ sagen, betonen wie sehr der neue 5/10/20-Euro-Schein wie Monopoly-Geld aussieht, Mitleid über das verpasste Fußballspiel/Grillwetter ausdrücken. Vergessen sind auch die Schlangen bis zur Fleischtheke an Vorfeiertagen, an denen mit Vorliebe die Kartenfunktion an der Kasse ausfällt und man befürchten muss die nächste Flasche Weichspüler über den Kopf gekippt zu bekommen.

Ich erinnere mich lieber an die guten Dinge: An Menschen, denen ich mich richtig nah fühle, obwohl ich sie (und sie mich) gar nicht kenne(n) – trotzdem saß ich eine lange Zeit fast täglich bei jedem von ihnen mit am Abendbrottisch, metaphorisch gesprochen. Zum Beispiel diese junge Frau, die ich ihre ganze Schwangerschaft hinweg begleitet habe. Mittlerweile ist das Kind bestimmt schon drei und ich muss dem Drang widerstehen, ihm ein Geschenk zur Einschulung zu kaufen. Oder an den Security, der abends mürrisch wie ein Schrank vor Chemnitzer Clubs steht, aber tagsüber im Edeka beim Körbe sammeln hilft.

Text: Lisa Kühnert Foto: Lars Neuenfeld


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