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Michael geht Untertage

In einem Loch im Boden, da lebte ein Hobbit. Die besten Geschichten fangen ja mit Löchern im Boden an. So auch die Geschichte um den Chemnitzer Kaßberg.

Der war zu Beginn des 16. Jahrhunderts ein argwöhnisch betrachtetes Gebiet außerhalb der Stadtmauern und wurde von der Bevölkerung erstmals so richtig als nützlich angesehen, als sie entdeckte, dass man da Löcher reingraben kann. Genauer gesagt Bierkeller. Zu dieser Zeit, so erklärt Irmentraud Demmler vom Verein Chemnitzer Gewölbegänge, kam gerade das Lagerbier in Mode, doch der Boden unter der Stadt war durch das hohe Grundwasser ungeeignet für tiefe Keller. So holte man sich Fachleute aus dem erzgebirgischen Bergbau und trieb Stollen in den Kaßberg. Da winden sie sich noch heute über viele hundert Meter in ungeahnten Kehren und Winkeln – immer so, wie das Gestein es zuließ. Die wildesten Gerüchte gibt es über diese Gänge. Bis zum Schlossberg oder nach Rabenstein sollen geheime Stollen reichen. Doch Irmentraud Demmler macht wenig Hoffnung: Am Ende jedes Ganges seien die Ziegel entfernt worden, um dahinter nichts als den Fels des Kaßbergs zu finden.

Der Verein begann – damals noch als ABM – Ende der 90er Jahre die zugemüllten Gänge wieder freizulegen. Alles, was man oben in der Stadt nicht brauchte (etwa Bauschutt), hatte man unten vergessen. Das wurde nun mit Schaufel und Schubkarre rausgeholt und die Ziegelgewölbe wieder hergestellt. Seit 2002 kümmert sich der Chemnitzer Gewölbegänge e.V. um das Tunnelnetz, bietet Führungen an oder vermietet darin Veranstaltungsräume. In der wechselvollen Geschichte der Gewölbe ist das sicher eine der schöneren Nutzungsarten, nachdem sie auch schon die Luftschutzbunker des Zweiten Weltkriegs oder Schießstände des Ministeriums für Staatssicherheit beherbergten.

Vom Hartmannplatz bis zur Reichsstraße finden sich die Eingänge der nicht überall miteinander verbundenen Wege in den Berg. Sie weisen verschiedene Charakteristika auf, mal eng und labyrinthartig, mal weit mit Räumen, mal als Kreuzgewölbe konstruiert. Teilweise sind die Gänge auch eingestürzt, wie nahe der Kaßbergauffahrt, wo man 1963 beim Verlegen von Heizungsrohren schon nicht mehr an die unterirdischen Bauten dachte und unverhofft ein bisschen zu tief grub. Und wer weiß, vielleicht befindet sich hinter so einem Einsturz, der aus statischen Gründen heute liegen bleiben muss, ja doch der ersehnte Geheimgang zum Schlossberg oder in die Hohlerde oder zum Bernsteinzimmer. Die besten Geschichten fangen mit Löchern im Boden an und hören an einer Ziegelwand noch lang nicht auf.

Text: Michael Chlebusch Foto: Maik Irmscher

Von Ecken und Enden: An steilen Hängen
Im Spätherbst und Winter krächzen hier tausende Saatkrähen in den Baumwipfeln. Unter deren wachsamen Augen blickten wir uns an der Kaßbergauffahrt um und fanden Geschichten vom KGB, von rätselhaften Verbrechen, hässlichen Maskottchen, einer gehemnisvollen Treppe und einiges mehr.

Nina und das Verbrechen
Zwei Männer in Handschellen werden in den Gerichtssaal geführt, während sich die Anwältin vom Staatsanwalt noch fix eine Verteilerdose für ihren Laptop geben lässt. Das hier ist ganz anders als im Fernsehen.

Alan macht einen SPD-Witz
Die Chemnitzer Basketball-Herren haben ein neues Maskottchen: Karl Marx. Ist das jetzt dämlich, geschmackslos oder echt witzig?

Jan bleibt hart
Wer, außer Björn Höcke vielleicht, braucht denn heutzutage einen Volksfestplatz? Jan sieht auf dem einstigen Hartmann-Werksgelände schon die Autos der Zukunft produziert.

Lars outet eine Treppe
Eine Treppe im Wald. Fast provisorisch scheint sie in den Hang geschlagen. Doch sie erzählt auch eine Geschichte über die Liebe in Zeiten des Sozialismus.

Szymmi schleicht vorbei
Seltsame Tiere, diese Krähen. Sitzen sie dann noch zu tausenden in den Bäumen an den Hängen des Kaßbergs, wird der Gang in die Stadt oder von der Stadt hinauf eine prickelnde Reise durch Mythos und Wissenschaft.

Veronica und der KGB
Dass rund um die Kaßbergauffahrt einst die Stasi residierte, ist weitgehend bekannt. Dass aber auch der KGB hier bis 1990 an den Fäden zog, gerät langsam in Vergessenheit. Veronica hat gerade deshalb nachgeforscht.

Johannes tauscht
Tauschkreise sind keine neues Phänomen. In Chemnitz ist die neuzeitliche Variante seit über 20 Jahren vereinsmäßig organisiert - und doch droht sie gerade jetzt zu scheitern.

 

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