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Michael und Die Tageszeiten

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An den Schillingschen Figuren wollte sich der unbekannte Künstler verewigen und hinterließ seinen lieblos hingekritzelten Gruß auf dem Sockel des Mittags. Die Vier Tageszeiten, lieber Grotesk, der ich dich mal auf 15 schätze, stehen hier schon 103 Jahre länger als du in deinen viel zu dicken Sneakers rumläufst. In den Jahren 1868 und 1871 wurden die Sandsteinplastiken an den Brühlschen Terassen in Dresden aufgestellt, nachdem König Johann sich kurzum für den Zweitplatzierten des Ausgeschriebenen Gestaltungswettbewerbs entschieden hatte. Das war Johannes Schilling, der wohl nicht ahnte, dass die Figuren 1898 in Chemnitz landen würden. Denn am Elbufer war es dem Material schlicht zu feucht und so wurden die Vier Tageszeiten durch Bronzeabgüsse ersetzt und ihre Originale der Stadt Chemnitz geschenkt. Nachdem sie dort 1928 dem Hotel an der Oper weichen mussten, landeten sie im Park am Schlossteich. Da stehen sie heute als schickes Ensemble, das zwischen dem BMX Track im Konkordiapark und der zugemüllten Schlossteichinsel ein bisschen vom Dresdner Barock auf den Fabrikkittel der alten Tante Chemnitz zaubert. Hinter der Freitreppe liegt ein Karree mit schönem Springbrunnen und Säulen und ein Blumenbeet wie von einer dieser trutschigen Postkarten aus den 60er Jahren. Mit den großen Blumenkugeln, die so wunderbar altmodisch aussehen. Und dahin kommen die Grotesks dieser Tage gerne, trinken was mit E und malen was auf die Sockel von Morgen, Mittag, Abend und Nacht oder klettern hoch und brechen mit ihren ungeschickten Gamepadpranken Horn und Flügel der Faun ab. Der Schaden sei zu beheben, weiß Thomas Morgenstern vom Chemnitzer Denkmalschutz, zuletzt habe man sogar ganze Gliedmaßen ersetzen müssen. Zum Glück gibt es in Dresden Vorlagen, auch wenn es viel Geld kostet. Nun gibt es wieder eine Debatte in der Stadt. Wohin mit den Skulpturen? Denn, da im dunklen Park, dem Ungeist der Jugend ausgeliefert, kann man sie ja nicht mehr lange stehen lassen. Vielleicht wieder auf den Theaterplatz oder auf den Markt? Man müsse, bevor man mit solchen Ideen kommt, auch den Hintergrund der Skulpturen beachten, weiß Denkmalschützer Morgenstern. Denn wer die Figuren auf den Markt stellt, vergisst, dass sie so modelliert wurden, dass man sie auf einer Treppe von unten betrachtet und, dass ihre Standhöhe dem Sonnenstand des jeweiligen Motivs entspricht. Bäume als Hintergrund wären auch schön, aber nur nicht obendrüber, so wie jetzt am Schlossteich, denn von oben fallen Äste und Sporen runter, die aufwendige Reinigungen häufiger nötig machen. Falls das olle Theatron also wegkommt – das ist das runde Ding an der Oper, wo nie jemand sitzt – wären die Figuren an seiner Stelle gut aufgehoben. Am besten, man setzt dann dort jemanden ein (Streetworker!), der sich ein paar Nächte daneben stellt und Grotesk mal alles erklärt. Etwa, wieviel Mühe Johann Schilling und sein Bildhauer Franz Schwarz vor rund 150 Jahren hatten, als sie die Dinger aus dem Sandsteinblock meißelten. Das soll der mit seinem Edding dann erstmal nachmachen. Da wo du taggst, Grotesk, da hat der Schilling schon lange gebombt – so sieht‘s aus.

Text und Foto: Michael Chlebusch


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