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Nina und der Sog der Chemnitz

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Den Sommer habe ich in meiner Heimatstadt verbracht. Wer braucht schon die Cote d´Azur, wenn er den steinernen Bach, die Chemnitz, haben kann? Ich packe also meinen Picknickkorb und lasse mich an einem lauschigen Plätzchen an der Böschung nieder.

Mit Blick auf den Uferstrand, das Weltecho und die Kreuzung Falkeplatz lässt es sich richtig gut entspannen. Ich brauche eine kühle Erfrischung und hechte kurzerhand mit einem eleganten Kopfsprung in die Chemnitz und lasse mich treiben. Da auf diesem Fluss, Gott sei Dank, keine Motorboote erlaubt sind, habe ich meine Ruhe und kann ein wenig beobachten.

Ich treibe vorbei an Jugendlichen, die das sogenannte „Street fishing“ betreiben, das heißt, dass sie mitten in der Stadt ihre Angelruten auswerfen. Und das nicht erfolglos.

Die Chemnitz beheimatet mehr Fische, als man so denkt, Forellen, Äschen, Döbeln, Barben, Gründlinge, sogar Lachse. Mehr als 20 Arten von Fischen sind hier zu finden. Nach der politischen Wende 1990 stoppte man die Abwassereinleitung aus der Industrie in den Fluss, modernisierte und baute neue Kläranlagen und die Wasserqualität wurde besser und besser. Seitdem das steinerne Bächlein 2002 zum Angeln freigegeben wurde, ist es ein Paradies für Angler. Neben Biberspuren und Flussottern trifft man hier aber angeblich auch oft auf Meerjungfrauen, die das Gesicht der Oberbürgermeisterin annehmen, um das Vertrauen der Spaziergänger zu gewinnen - so versuchen sie Ahnungslose in die Fluten zu locken. Da muss man echt vorsichtig sein. Die Wassermassen ziehen mich weiter, vorbei an Spuren des Hochwassers 2002, 2010 und 2013. Im Stadtgebiet wurden die meisten Zerstörungen von damals verarztet, es wurden Mauern gebaut und die Chemnitz aufgedeckelt - in der Nähe des Falkeplatzes entstand sogar eine Überflutungsfläche. Das trotz der vielen Schönheitsoperationen schwer zu bändigende Flüsschen flüstert mir plötzlich eine Gruselgeschichte zu: 2005 entdeckten Spaziergänger die Leiche einer jungen Frau im Wasser. Ob sie den Meerjungfrauen zum Opfer fiel? Viel Zeit zum Grübeln bleibt mir nicht, denn ich sehe an der Flussböschung dem Tod ins Gesicht. Der Riesen-Bärenklau starrt mich aus hohlen Augen an. Da wächst er, an den Ufern der Chemnitz. Dieses eingewanderte Gewächs ist giftig, verursacht bei Körperkontakt Quaddeln und Blasen und wurde nicht umsonst 2008 zur Giftpflanze des Jahres gewählt. Toller Gewinn, herzlichen Glückwunsch du böser, böser Eindringling. Die Stadt Chemnitz nimmt aber schon seit langer Zeit den Kampf gegen die sich schnell verbreitende Plage auf. Neophytenbekämpfung wird dieser erbarmungslose Prozess genannt. Ich träume weiter und der Fluss spricht beruhigende Worte zu mir, doch plötzlich höre ich fremdartige Klänge. Ich öffne die Augen. Verdammt, ich bin jetzt schon in der Zwickauer Mulde, in die die Chemnitz mündet. Ich mache schnell, dass ich aus dem Wasser komme, denn wer braucht schon die Zwickauer Mulde, wenn er die Chemnitz haben kann?

Text: Nina Kummer, Foto: Maik Irmscher


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