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Menschen in einer optionalen Welt

Peer Gynt und die Zwiebel in uns allen

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Peer Gynt

Henrik Ibsens Drama „Peer Gynt“ ist ein Klassiker des modernen Theaters. Anlässlich der Premiere am Chemnitzer Schauspielhaus sprach Michael Chlebusch mit Regisseurin Claudia Bauer und den Bühnenmusikern René Szymanski und Tom Müller.

Da ist also einer, der sieht die Welt, der umgibt sich mit Abenteuer Mythos und Mythen, nur um am Ende seines Lebens zuzusehen, wie all das von ihm abfällt und zu beklagen, dass unter all den zwiebelgleichen Schichten seines Selbst, all den Personen, die er in seinem Leben war, kein Kern steckt. Als Henrik Ibsens „Peer Gynt“ 1876 seine Uraufführung erlebte, waren die Vorzeichen dieses Dramas andere als sie es zur Premiere im Chemnitzer Schauspielhaus am 27. Januar 2011 sind. „Gynt war bei Ibsen eine Einzelerscheinung“, sagt Claudia Bauer, die das Stück in Chemnitz als Regisseurin auf die Bühne brachte. „Er ist jemand, der es wagt, über Landes- und Standesgrenzen zu gehen, sozusagen ein globaler Mensch, doch so sind wir mittlerweile alle. Peer Gynt, das ist einer von uns.

Peer Gynt, das sind wir, das sind Menschen in einer optionalen Welt.“ Diesem modernen Anspruch des Stückes will Claudia Bauer auch in einer modernen Inszenierung Rechnung tragen. Doch auch in neuzeitlichem Gewand solle Peer Gynt ein Stück bleiben, das allen offen steht. Als Regisseurin wolle sie ihrem Publikum die Hand reichen und kein arrogantes Provokationstheater bieten.

Ein besonderes Element fügen diesem Konzept die beiden live spielenden Musiker René Szymanski und Tom Müller hinzu, die auch schon zum Chemnitzer Macbeth Klangteppiche woben. Edvard Griegs Peer-Gynt-Suite wird dabei natürlich keineswegs instrumentalisiert: „Auch wenn die sehr schön ist“, so René Szymanski, „wurde sie mittlerweile schon zu Tode gehört und würde musikalisch gar nicht zur Inszenierung passen.“ Für den richtigen Klang musste Claudia Bauer, wie sie zugibt, zuweilen auch geduldig sein, denn als Künstler brauchten auch die Musiker zunächst etwas Zeit zum Entwickeln und konnten nicht auf Knopfdruck funktionieren. Inzwischen zeigt sich die Regisseurin allerdings sehr begeistert vom Luxus der Livemusik, den sich nicht jedes Haus leisten wolle. Den modernen Peer Gynt verfolgt dabei ein neuzeitlicher Soundtrack zwischen Rock und Ambient, der gleichsam als jener Teil seiner selbst fungiert, den Gynt nicht los wird. Vielleicht also doch ein bisschen Kern unter all den Schalen?

„Die Frage, wer wir in unserem Kern sind, ist fragwürdig geworden“, weiß Claudia Bauer. Die multiple Persönlichkeit, die heutige Psychologie und Philosophie vielfach jedem „einzelnen“ von uns attestiert, zeigt sich auch im Stück, in dessen Besetzung sechs Peer Gynt zu finden sind. Möge sein Publikum und dessen Seherlebnisse ebenso multipel sein.

Foto: Dieter Wuschanski

Erschienen im 371 Stadtmagazin 02/11

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