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Beate shoppt sich jung

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Ich bin in der DDR aufgewachsen, da war alles irgendwie Zweite Hand, nur hat man das nicht so genannt. Nach der Wende eröffnete in Chemnitz der erste Second Hand auf dem Sonnenberg als Teil des Ladens KIOX, der neben Schallplatten auch Klamotten-Neuware verkaufte. Die frischen Sachen wollte ich gar nicht, die alten waren interessant.

Das verpasste Leben drüben, der West-Schweiß, die West-Angst, die West-Freude steckten doch noch immer in den gebrauchten Klamotten, die man sich jetzt überwerfen konnte, um die Geschichten der ehemaligen Träger in sich aufzunehmen. So wie die Kanibalen ihre starken und mutigen Feinde aßen und glaubten, sich damit deren Kräfte einverleiben zu können.

Diese Gründe spielen heute wahrscheinlich kaum eine Rolle. Heute ist es eher das kleine Portemonnaie, der Wunsch nach Nachhaltigkeit, der Vorteil von hautfreundlichen Kleidungsstücken und das Vergnügen daran, etwas zu tragen, dass nicht alle haben, dass einen zum Besuch des ReSales in der Ermafa-Passage animiert. Obwohl, dort gibt es gebrauchte Dessous, elegante Mieder - möglicherweise verknüpft der Käufer damit auch die Absicht, die sexuelle Potenz der ehemaligen Besitzer für die nächste Nacht zu nutzen.

Ich frage nach, was denn am häufigsten gekauft wird. „Alles“, bekomme ich zur Antwort und „Dirndl gehen gerade gut“. Kommt jetzt also das Dirndl nach Chemnitz, als besonderes Freizeitkleid?

Ich jedenfalls gehe dort einkaufen, weil ich alt bin. Jetzt bitte nicht denken, stimmt ja, der Laden ist ebenerdig zugänglich - so schlimm ist es noch nicht. Nein, ich kann dort Kleidungsstücke aus meiner Jugendzeit, den 80er Jahren erwerben, die gibt es zum Glück noch reichlich. Gern trage ich die Sachen nicht, denn mal ehrlich, Schulterpolster und bedruckte Leggings kann niemand schön finden. Ich trage die Sachen aufgrund der Erkenntnisse aus der Sozialpsychologie. Schon 1979 fand die Amerikanerin Ellen Langer in einem Experiment heraus, wenn alte Menschen alles so machen,  wie sie es in ihrer Jugend getan haben, dann verbessert sich wieder die Beweglichkeit ihrer Gelenke und auch im Intelligenztest schneiden sie besser ab.

Deshalb trage ich diese Klamotten, höre Musik auf 80er Jahre Partys und überlege, was ich mal werden möchte und schaue am Nachmittag „Dallas“ und „Denver Clan“.

Dieses ganz persönliche Anti-Aging-Programm, ich nenne es mal „Botox für Schlaue“, fordert mir nicht viel ab, keine Tabletten, kein Sport, keine Nahrungsergänzungsmittel, nur ab und zu einkaufen im Second Hand, fertig. Für alle, die neugierig geworden, aber deutlich jünger sind, sich trotzdem schon alt fühlen - es gibt auch Sachen für Babys und Kleinkinder.

Text: Beate Düber, Foto: Maik Irmscher


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