Magazin

Johannes und der grüne Daumen

Veröffentlicht am:

Den Chemnitzer Bürgern mit Affinität für Grünpflanzen und Natur bleibt offensichtlich nur der Rückzug in Schrebergärten oder ein Besuch von Omis Kräutergarten, um selbst Hand anzulegen. Könnte man meinen… Rebecca vom Stadtteilgarten „Kompost“ empfängt mich herzlich, mit einigen Kräutern in der Hand und möchtest-du-einen-Tee-trinken-fragend, am Eingang des Geländes. Der Name des Projekts lässt unschwer die Verbindung zum angrenzenden Wohn- und Kulturkomplex „Kompott“ erkennen und auch Rebecca, Mitbegründerin der kleinen Grünanlage, wohnt nebenan. Bei einer Tasse frischem Zitronenmelisse-Minze-Tee erzählt sie mir, dass die Idee eines gemeinschaftlichen Gartenprojekts bereits zu Zeiten der ReBa84 an der Reitbahnstraße/Gustav-Freytag-Straße entstand. Nachdem die GGG im Jahr 2010 den bestehenden Mietvertrag jedoch nicht verlängerte, zersplitterte das Kollektiv.

Menschen aus diesem Umfeld trafen zwei Jahre später im Kompott an der Leipziger Straße auf Personen mit ähnlichen Ideen und starteten mit städtischer Unterstützung die Suche nach einem passenden Gelände. Seit der Unterzeichnung des Pachtvertrags 2012 blühen unter anderem Tomaten, Zierpflanzen und Erdbeerspinat auf der ehemaligen Brachfläche. „Mithilfe von Fördergeldern konnten wir zu Beginn Gerätschaften und Sämereien anschaffen, die Pacht und Nebenkosten versuchen wir mit Spenden, zum Beispiel durch die Verteilung von Erträgen, zu erwirtschaften“ , berichtet Rebecca und beginnt mit mir einen Rundgang durch das Biotop. Doch nicht nur die Unterstützung der Stadt und Spendeneinnahmen lassen das Grün gedeihen. Die rund 10 Hobbygärtnerinnen und -gärtner treffen sich alle zwei Wochen, um relevante Themen zu besprechen, weitaus häufiger pflegen sie die Beete, die je nach Wetterlage und Umgestaltungsbedarf Arbeitseinsätze benötigen. Das gemeinschaftliche Grundprinzip des Stadtteilgartens ist so organisiert, dass jeder Helfer sein eigenes Beet versorgt und dessen Pflanzenvielfalt und -art frei bestimmen kann.

Da die Erträge jedes Einzelnen der Gemeinschaft zur Verfügung gestellt werden, darf man sich wiederum an den Beeten der anderen bedienen. Wenige Minuten später schlendern wir an der Kräuterspirale nahe dem zentral befindlichen Teich vorbei, bei der die Pflanzen, je nach Wasserbedürfnis, verschieden nah ans Wasser gesetzt werden. Beeindruckt stelle ich fest, dass meine Omi im Kräutergartenvergleich wohl demütig den Kürzeren ziehen würde, zupfe mir ein paar Blätter Minze und genieße den Ertrag biologischer Landwirtschaft. Als ich mich wieder am Gartenhäuschen niederlasse und eine Schwarzbrotschnitte mit Honig der hofeigenen Bienen verzehre, erklärt mir Rebecca, dass sich jeder Gründäumling an dem Stadtteilgarten-Projekt beteiligen kann und keine Vereinsgebühren oder sonstige Kosten persönlich zu tragen sind.

Die einzigen Voraussetzungen, die man mitbringen sollte, sind die Freude an Gartenarbeit, Gemeinschaft und Tatendrang. Als ich erfahre, dass der Stadtteilgarten „Kompost“ auch eine anerkannte Stelle für das Abarbeiten von Sozialstunden ist, muss ich schmunzeln. Verbrechen lohnt sich wieder!


Ecken und Enden: Am Eintracht-Park
Ecken und Enden: Ausgangspunkt ist diesmal das alternative Wohn- und Kulturprojekt „Kompott“ an der Leipziger Straße und der angrenzende Konkordiapark.

Johanna auf dem Sportplatz
Die vom 371 haben gesagt, ich soll für das neue Heft über die Chemnitzer Skaterszene schreiben. Endlich mal ein Vice-Thema...

Jan in der Ermafa Country
Was ist das für ein seltsames Gelände? Brachland mit Sportgeräten? Industriegelände mit Parkanschluss? Der Konkordiapark befindet sich an der Hartmannstraße Ecke Leipziger Straße.

Beate shoppt sich jung
Ich bin in der DDR aufgewachsen, da war alles irgendwie Zweite Hand, nur hat man das nicht so genannt. Nach der Wende eröffnete in Chemnitz der erste Second Hand auf dem Sonnenberg...

Szymmi und der Bolzplatz
Verschwitzt, kaputt und außer Atem treffe ich Michael Spiegler in einem Hinterhof auf dem Brühl. Dort leitet er gerade den Ausbau eines der Projekthäuser.

Nina, Borschtsch und eine Diskokugel
Ich habe schon immer eine gewisse Zuneigung gegenüber der russischen Mentalität verspürt. Zumindest die Lebensart, die ich mitbekomme und mitbekommen will.

Michael und die Tageszeiten
Mit der Kunst des 19. Jahrhunderts hat er‘s nicht so, der Grotesk. Vielleicht heißt er auch Crotgsr, oder so. Man sollte sich beim Taggen vielleicht ein kleines bisschen mehr Mühe geben...

Zurück