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Szymmi und der Palast auf dem Hügel

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Das Hochhaus mit der Nummer 10 an der Zwickauer Straße ist bei weitem keine Schönheit. Einsam und schroff steht es gegenüber dem Museum Gunzenhauser und seinem schlichten Bauhausstil. Wer würde hier wohl ein indisches Restaurant vermuten, das seit 2012 seine Stammkundschaft stetig vergrößert und längst kein Geheimtipp mehr ist?

Denn seien wir ehrlich: Weiter als von dem romantisch-monumentalistischen Flair eines Taj Mahal („Krone des Ortes“) könnte man architektonisch nicht entfernt sein. Der Delhi Palast ist weniger die „Krone des Ortes“, sondern etwas frei übersetzt der „Palast auf dem Hügel“. Unbeschwert und neugierig schreite ich tatsächlich einige Treppenstufen hoch, um Singh Shivdev zu begegnen, der hier seit 2012 die Fäden in der Hand hält. Was verschlägt wohl einen Inder aus Punjab/Nordindien nach Chemnitz und weshalb eröffnete er in dieser Stadt ein weiteres indisches Restaurant? „Ich bin seit 1994 in Deutschland. Aus meiner Heimat musste ich aufgrund politischer Konflikte auswandern. Wir sind Sikhs. Die vorherrschende Religion in Indien ist jedoch Hindu. Es war uns nicht möglich, dort unsere Meinung zu sagen, ohne verfolgt zu werden“, erklärt Singh Shivdev, ohne weiter darauf einzugehen. (Nach dem Mord an der Premierministerin Indira Gandhi im Jahre 1984 kam es zu lange Jahre andauernden Unruhen in Punjab und Delhi, woraufhin viele Sikhs ihre Heimat verließen. Anm. d. Red.) „1997 begann ich bei meinem großen Bruder im Maharadscha Palast in Chemnitz zu arbeiten. Es war keine einfache Zeit, da in Chemnitz fast gleichzeitig vier indische Restaurants aufmachten. Die indische Küche hatte in Chemnitz noch keinen hohen Bekanntheitsgrad und nach und nach machten die Restaurants wieder zu. Zuletzt 2004 das Taj Mahal auf der Leipziger Strasse“, berichtet Singh Shivdev über seine Anfangsjahre in der Gastronomie. In diesen Jahren lernte er Kellnern, Kochen und erwarb sich das Wissen, wie man ein Restaurant führt. Der nächste Schritt war für ihn folgerichtig: Er wollte sein eigenes Geschäft aufmachen. Sein erster Gedanke war dabei nicht Chemnitz: „Ich bin herumgereist und habe mir in mehreren Städten Objekte angesehen. Meistens schien mir das Risiko zu groß, bis ich doch in Chemnitz an der Zwickauer Straße 10 fündig wurde. Bis 2010 gab es hier ein chinesisches Restaurant und ich musste nicht komplett von Null anfangen.“ Gerne fügt er dabei hinzu, dass dieses graue Hochhaus auch für ihn alles andere als einladend wirkt. Doch die Nähe zum Amtsgericht, zum Verwaltungsgericht, zum Museum Gunzenhauser und die zentrumsnahe Lage, ließen es ihn versuchen oder wie er es ausdrückt: Sein Glück riskieren. „Die ersten drei Monate nach Eröffnung kam fast niemand und ich dachte schon, dass es nicht funktionieren würde. Aber über Mundpropaganda hat sich unser Restaurant herumgesprochen und es läuft jetzt von Jahr zu Jahr besser. Es nicht schlimm, dass es mehrere indische Restaurants in Chemnitz gibt, denn nur so können die Leute ja vergleichen“, fasst Singh die letzten vier Jahre bündisch zusammen, während plötzlich mehrere Zollbeamte auftauchen. „Haben sie manchmal Heimweh?“, frage ich leicht verwirrt in die Runde blickend. „Natürlich. Ich bin in Punjab aufgewachsen und zur Schule gegangen. Auch meine Eltern leben noch dort. Doch meine Kinder sind in Chemnitz groß geworden. Sie können hier bleiben oder nach Neuseeland und in die USA auswandern oder, wenn sie wollen, auch ihren Wurzeln nachforschen. Das steht steht ihnen frei“, antwortet Singh völlig unbeeindruckt von der unangekündigten Kontrolle in Grün. Mittlerweile haben sich alle Zollbeamte vor der Theke des Delhi Palastes versammelt, also bleibt mir scheinbar nicht mehr viel Zeit für weitere Fragen, darum noch eine schnelle: „Wo sehen sie sich in fünf Jahren?“ Darauf antwortet Singh: „Es ist alles vorgeschrieben, doch was morgen kommt, kann ich nicht sagen.“ Mit einem Lächeln verabschiedet er sich, steht auf und geht zu den Zollbeamten.

Text: Rene Szymanski Foto: Maik Irmscher


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