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Szymmi verirrt sich im Graben

Nur noch ein verwaistes Labyrinth an Stühlen mit Notenpulten in geordneter fester Aufstellung, das in seiner Symmetrie jedoch einige Dellen bekommen hat, weist darauf hin, dass hier bis noch vor wenigen Minuten an die 70 Personen über Stunden gemeinsam musiziert haben. Ein gewisser Geruch in der Luft und Spukflecken auf dem Holzfußboden sind ebenfalls ein gutes Indiz. In einer halben Stunde muss er leergeräumt sein, da die Technik den Graben hochfahren will. Also ran ans Werk. Er ist schon ein seltsamer Arbeitsbereich dieser Orchestergraben, und er wäre nichts ohne die ordnende Hand eines Orchesterwarts. Doch was ist ein Orchesterwart eigentlich genau? Ein Roadie ohne Landstraße? Nahe an der Musik und den Stars, aber ohne all die Klischees, die man so von Rockbands zu hören gewöhnt ist? Zum Glück haben wir unsere Ansprechpartner überall in der Stadt und konnten so unerkannt das Chemnitzer Opernhaus infiltrieren. „Der Tätigkeitsbereich eines Orchesterwarts umfasst die Auf-und Abbauten eines sinfonischen Orchesters im Orchestergraben oder Orchesterprobenraumes des Opernhauses. Also Opern- ,Operetten-,Musical-, Ballettaufführungen. Das gleiche gilt für Proben. Für jede Oper, jedes Konzert gibt es eine genau festgelegte Sitzordnung. Diese wird vom Dirigenten bestimmt. Viel Zeit verbringt ein Orchesterwart auch mit dem Erstellen von Dienstplänen, Dienstzähllisten und überhaupt der Organisation der täglichen Arbeit“, bekomme ich auf Nachfrage von dem Orchesterwart Thomas Thieme zu hören. Mmh, so richtig spannend klingt das ja nicht. Eher nach Arbeit als nach Rock`n´Roll. Als der Graben leer ist, streife ich in Gedanken den Orchesterwarten hinterher. Ruhig ruht der riesige Kulturbetrieb Opernhaus mit seinen unzähligen Türen, Gängen und Etagen. Es gilt noch eine Fuhre Stühle über den Lastenfahrstuhl hoch in den Orchesterproberaum zu bringen. Bald ist wieder ein Sinfoniekonzert. Oh, da sind sie also doch unterwegs! Sicherlich spannend, denke ich. Doch weit gefehlt. „Es gibt pro Spielzeit zehn Sinfoniekonzerte, dazu kommen Sonderkonzerte und Gastspiele. Das bedeutet, das alle Instrumente, Notenpulte und Stühle einpackt, verladen und zu den jeweiligen Spielorten hingefahren und dort aufstellt werden müssen. Das bedarf einer guten Logistik, da `sitzt´ jeder Handgriff. Wahrscheinlich sind wir auch die ältesten Roadies in der Stadt“, kommt die eher sachliche Aussage auf meine Nachfrage. Entweder falle ich hier auf eine Feelgood-Kampagne der Werbestrategen im Opernhaus rein, oder meine Vorstellungen, die seit dem Film „Bolschoi Babylon“ vielleicht etwas verklärt sind, sind wirklich irrig. Keine Diven, keine Intrigen und kein Sex&Drugs&Rock`n´Roll – die Oper scheint erwachsen geworden zu sein und das Drama sich nur noch auf der Bühne abzuspielen. Etwas enttäuscht schnappe ich mir einen länglichen Holzstab mit einer flauschigen Bommel und schlage mit aller Kraft auf einen China-Gong ein. Hach, das tat gut.

Foto: Maik Irmscher

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