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Veronica und der KGB

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Heute sieht man am oberen Ende der Kaßbergauffahrt die Hohe Straße, das Kulturhaus Arthur mit der Wohnzimmerkneipe Aaltra, das Karl Schmidt-Rottluff Gymnasium und ein Bürohaus.

Rund 30 Jahre zuvor war am gleichen Ort die Dr.-Richard-Sorge-Straße, ein Haus des Ministeriums für Staatssicherheit (Stasi), die Stasi-Bezirksverwaltung Karl-Marx-Stadt und die sowjetische Militärkommandantur. Der Straßenname hat sich geändert, wo der Geheimdienst der DDR saß, ist heute ein Kulturzentrum und eine Schule. Wo das sowjetische Militär und der Geheimdienst KGB seinen Sitz hatten, sind nun Büros untergebracht.  

Es heißt, nur was man weiß sieht man. Umgekehrt bedeutet das, wer nichts weiß, sieht nichts. Ich wusste nichts über diese Geschichte. Ich kam zum Studium aus Hessen in die Stadt und war schon froh zu wissen, dass es im Aaltra gute Konzerte und eine tolle Kneipe gibt. Das änderte sich, als ich ein Referat zum Thema „Sowjetische Dienststellen“ halten sollte. Es ging um Dienststellen des Sowjetischen Geheimdienstes zwischen 1945 bis 1990.

Die Betrachtung umfasste die Frage nach Orten der Repression. Also Orten der politischen Unterdrückung. Der Geheimdienst war u.a. für die Entnazifizierung zuständig. Die Umsetzung erfolgte jedoch auch mit unrechtsstaatlichen und willkürlichen Methoden. Später wurden politische Gegner inhaftiert, um das kommunistische System zu installieren und zu bewahren.

Damit hatte sich in der Stadt bis dahin noch niemand wissenschaftlich auseinander gesetzt. Es begann eine spannende Spurensuche. Zunächst ging es darum, dass sowjetische Dienststellennetz in der Stadt zu rekonstruieren. Welche Häuser wurden nach dem Krieg von den Sowjets besetzt? Was wurde dort eingerichtet? Und was ist heute davon noch sichtbar?

Der erste Weg führte mich ins Stadtarchiv. Ein Telefonbuchausschnitt von 1946 und Rechnungen halfen mir weiter. Rechnungen, die nach dem Krieg von der Stadt Chemnitz oder von Handwerkern an die Besatzungsmacht gestellt wurden. Durch die Adresszeile konnte ich nachvollziehen, welche Häuser besetzt und welche Einheiten dort tätig waren.

Neben der Hohen Straße waren in jenem Karreé sämtliche Häuser in der Kaßberg- und Henriettenstraße besetzt. Ich fand Dokumente, in denen Umbaumaßnahmen beschrieben wurden. Sie umfassten z.B. die Errichtung einer Tanzdiele oder den Einbau eines Schießstandes in die Ruine einer ehemaligen Katholischen Schule. Wie in anderen Stadtteilen wurden also auch auf dem Kaßberg nach Ende des Krieges Kommandanturen und Sperrzonen eingerichtet.

Daraufhin wandte ich mich an die heutigen Eigentümer und Architekten der Häuser, welche die Gebäude nach der Wende saniert hatten. Der Hausbesitzer der Hohen Straße 39, der ehemaligen Dienststelle des KGB, berichtete z.B. von eingebauten Haftzellen und dem Fund einer eingemauerten Fotokamera. Sie enthielt Bilder von sowjetischen Soldaten mit Frauen am Schlossteich.

Die Recherche ging in verschiedenen Archiven weiter. Dem amerikanischen Nachrichtendienst CIA zufolge war 1949 im Kaßberg-Gefängnis, in der Kaßbergstraße 12 sowie 24-31 und in der Henriettenstraße 1-4 der sowjetische Geheimdienst ansässig. Zum Teil wären die Häuser als Wohnungen für Offiziere genutzt worden.
Ich lernte Wolfgang L. kennen, der 1945 im Alter von 16 Jahren festgenommen und verhört wurde. Ihm wurde vorgeworfen Mitglied der Partisanenorganisation „Werwolf“ gewesen zu sein. Während des Verhöres wurde er misshandelt. Obwohl er unschuldig war, unterschrieb er deshalb ein Geständnis. Für die Haft kam Wolfgang L. vom Kaßberg in das sogenannte Speziallager nach Bautzen und von dort in ein Arbeitslager nach Sibirien. Erst sechs Jahre später kam er frei. Zwei weitere, ebenfalls unschuldige, Zeitzeugen mit gleichem Verhaftungsgrund erging es anders. Einer wurde von einem provisorisch eingerichteten Haftkeller in Siegmar nach einem erzwungenen Geständnis in das Kaßberg-Gefängnis verlegt. Von dort wurde er in das Speziallager in Mühlberg/Elbe transportiert, wo er nach zwei Jahren entlassen wurde. Ein anderer wurde, so willkürlich wie er inhaftiert wurde, wieder aus dem Gefängnis auf dem Kaßberg freigelassen.

1952 wurde das Kaßberg-Gefängnis an das Ministerium für Staatssicherheit übergeben. Das Gefängnis blieb ein Ort der politischen Haft und wurde das größte Untersuchungsgefängnis der DDR. KGB und Stasi arbeiteten eng zusammen. Das zeigt auch die Nähe der Dienststellen in der Hohen Straße. Die geheimdienstliche Dichte in dem Stadtteil war durch das Gefängnis und den Justizkomplex bis 1990 hoch.

Das Besondere an dieser Recherche war neben den Zeitzeugengesprächen und der Archivarbeit der Kontakt mit den Chemnitzern. Viele wussten interessante Dinge über ihre Stadt zu berichten und haben mich unterstützt. Spannend war auch, dass einige Bewohner nichts über die Repressionsgeschichte ihrer eigenen vier Wände wussten.

Es stimmt: Nur was man weiß, kann man auch sehen. Ich jedenfalls betrachte die Häuser auf dem Kaßberg inzwischen anders.

Text: Veronica Scholz Foto: Maik Irmscher


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