Magazin

Wir schaffen das!

Willkommen in Chemnitz

Veröffentlicht am:

Willkommen in Chemnitz

Willkommen in Chemnitz lautet der programmatische Titel eines multikulturellen Kinder- und Familienfestivals. Mittlerweile findet es zum fünften Mal statt. Martin Goretzky vom Kulturwerkstatt e.V. erklärt, was das Besondere an diesem Festival ist.

Das Willkommen in Chemnitz Festival findet dieses Jahr zum fünften Mal statt. Was ist es und was ist der Grundgedanke dahinter?
Das Festival war am Anfang bloß eine Idee, kein Projekt, für das wir einen festen Plan hatten. Viele denken, Willkommen in Chemnitz hat speziell was mit der „Flüchtlingskrise” zu tun. Es ist natürlich in der Zeit entstanden und wir wollten etwas tun, aber das „Willkommen” ist zum Grundgedanken geworden, das gilt eben auch für den Bayer der hier her zieht, den Touristen oder einheimischen Chemnitzer. Wir wollten ganz einfach Chemnitzer Musiker und Vereine miteinander auf eine Veranstaltung bringen. Über die Jahre hinweg ist die Musik in den Hintergrund gerückt, weil die Vereine nicht nur mit einem Stand daneben stehen wollen, sondern etwas machen wollen, zum Beispiel Kinderschminken. Da hat sich herauskristallisiert, dass es eine Veranstaltung vor allem für Kinder und Familien ist, mit den Vereinen als Hauptakteure. Von ehemals drei Musikbühnen ist jetzt noch eine übrig, auf der auch weniger Bands oder DJs spielen, sondern Vereine, die selbst Musik machen: Eine indische Tanzgruppe oder eine Djembe-Trommelgruppe, die extra von Berlin anreist, weil Chemnitz jetzt spannend ist.

Ihr werdet nicht von der Stadt oder öffentlichen Mitteln unterstützt, woher kam damals das Engagement der Kulturwerkstatt?
Es gab damals eine Initiative von ein paar Vereinen, die ein Konzert gegen Rechts veranstalten wollten, und irgendwann sind wir als Kulturwerkstatt ausgestiegen, weil wir nicht gegen etwas sein wollten, sondern für. Wir haben gesagt, wenn wir eine ganze Gruppe von Menschen ausschließen, ist es vorbei. Und genau diese Menschen kommen jetzt zu unserem Festival. Vielleicht ist es für die ein Kulturschock, aber sie haben auch Kinder, die dann ganz schnell zum Bastelstand rennen und sich neben eine syrische Familie setzen, und das ist das Ziel: Da kommen sie ins Gespräch und bleiben letztendlich bis zum Schluss. Am Anfang war es ein harter Weg, auf gut Glück Vereine anzusprechen, ob sie uns dabei unterstützen, aber es hat sich rumgesprochen und besonders seit letztem Jahr ist das Interesse sehr groß, weil Verbände Flagge zeigen wollen.

Für die Ideale, für die ihr beim Festival einsteht, war der letzte Sommer bestimmt ein herber Rückschlag, vielleicht auch neue Ermutigung. Hat sich etwas an eurer Herangehensweise und der Planung geändert? Bekommt ihr jetzt mehr Unterstützung oder Gegenwind?
Erstmal war es sehr ernüchternd. Gegenwind hatten wir seit dem ersten Mal schon von einschlägig bekannten Gruppierungen, die dagegen gewettert haben. Aber wir haben nichts verändert, sondern haben einfach gesagt, wir machen weiter, wir lassen uns nicht einschränken und haben auch keine Angst. Außerdem kriegen wir Zuspruch von vielen Vereinen: Letztes Jahr hatten wir eine kleine Flaute und nur 15 Vereine, für dieses Jahr sind bis jetzt 33 angemeldet. Und da sind noch nicht die Künstler mit eingerechnet, die dieses Jahr auch außerhalb ihrer Kunst aktiv sein wollen.

Zu so einer Veranstaltung kommen doch vor allem Menschen, die eh schon an kulturellem Austausch interessiert sind. Wie vermeidet ihr die Gefahr, in dieser Blase zu bleiben und gewinnt stattdessen Leute dafür, die dahingehend von sich aus noch nicht viel Engagement für Toleranz und Vielfalt zeigen?
Dadurch, dass wir in der Innenstadt sind, kommen viele Leute, die es sich nicht speziell vornehmen würden, sondern sozusagen als Laufkundschaft da sind. Deshalb auch der Standort Stadthallenpark, da man da die breite Masse anspricht, die sich nicht unbedingt in der „linken Szene”, wenn man es so nennen will, bewegt. Außerdem kommen die Vereine und Künstler aus vielen verschiedenen Lebensbereichen und machen damit ganz unterschiedliche Personen neugierig.    

Wie erreicht ihr euer Ziel, über die menschliche Ebene Kulturen zu verbinden und Toleranz zu fördern?
Wie gesagt, wir haben viele verschiedene Angebote und sprechen vor allem Familien an. Da kommen dann eben Oma und Opa mit ihrem Enkelkind und sehen etwas, da kann man viel ausprobieren, das meiste kostenlos. Natürlich bleibt man dort gerne, und ob es nun Torwandschießen ist oder verschiedene Spiele, es sind vor allem Dinge, die man gemeinsam tut. Viele Angebote sind zugegebenermaßen an Kinder gerichtet, aber es hat sich auch ein Gästeführerverein zum dritten Mal angemeldet. Der macht keine Kinderarbeit oder Jugendkultur, aber weiß, er gehört zur Stadt und ist beispielsweise gern gesehen von älteren Leuten, die dann tatsächlich eine Tour buchen. Damit schaffen wir es, für jeden etwas parat zu haben, ganz unpolitisch und niederschwellig: Kinderschminken, Basteln, eine Hüpfburg: Da wissen alle, sie sind willkommen in Chemnitz.

Interview: Tabea Hallmann Foto: Kulturwerkstatt e.V.

Zurück