Bildung statt Universität
Das Freie Institut für Bildung geht unkonventionelle Wege
Bald zwei Jahre ist es her, dass Studenten überall in Deutschland auf die Straße gingen. Konkretes ist von den Bildungsprotesten nicht viel übrig geblieben. In Chemnitz waren sie allerdings Anstoß für die Gründung eines Vereins, der seit anderthalb Jahren mit verschiedenen Projekten versucht, Gegenwartsthemen auf unkonventionelle Weise zu behandeln: Dem Freien Institut für Bildung (FIB).
Das FIB eine Art alternative Universität. Es wurde im April vergangenen Jahres von Studenten und Universitätsdozenten ins Leben gerufen. Anlass sei die Unzufriedenheit mit dem Bildungsprinzip an deutschen Hochschulen gewesen, schildert Vereinsmitglied Celia Rothe: „Es geht an der Universität nur noch um Wissen und nicht mehr um Bildung.“ Neue Forschungsergebnisse würden kaum noch vermittelt, stattdessen stünden immer dieselben Themen auf dem Lehrplan. Zudem müssten viele Universitätsangestellte vor allem Referenzen vorweisen, die Lehre bliebe auf der Strecke.
Seit eineinhalb Jahren treffen sich die mittlerweile etwa 25 Mitglieder in regelmäßigen Abständen, diskutieren miteinander und vermitteln ihre Erkenntnisse mithilfe von Theaterstücken oder setzen die Debatte in der Öffentlichkeit mit Diskussionsabenden fort. So inszenierten die Vereinsmitglieder im vergangenen Jahr das Theaterstück »Das Gespräch« von Philippe Malone. Darin geht es um Betriebsschließungen, den Kampf um einen Job und das Prinzip der Lohnarbeit an sich. Arbeit war auch das Thema des zweiten großen Projekts, dem Café Philo. In Anlehnung an die Debatten griechischer Philosophen wurden für alle offene und tiefer gehende Gespräche über Gegenwartsthemen organisiert. Vier solche Abende hat es gegeben, sie trugen Titel wie „Arbeit und Menschenwürde“ oder „Arbeit und Kunst“. Die Resonanz auf diese Gesprächsrunden sei überwiegend positiv gewesen, sagt Rothe: „Wir hatten das Gefühl, dass die Gäste nicht einfach nur die Diskussionen konsumiert, sondern auch reagieren wollten und mitgemacht.“
Das vorerst letzte Projekt in dieser Reihe ist gerade im Gange. Zusammen mit dem Rapper Lutz Dehner alias Moris wollen die Vereinsmitglieder junge Chemnitzer zwischen 14 und 17 Jahren zur Auseinandersetzung mit dem Thema Arbeit anregen. Sie sollen in einem Workshop herausfinden, welche Vorstellungen, Ängste, Bilder und Wünsche sie mit dem Begriff Arbeit verbinden und aus diesen Erkenntnissen heraus Interviewfragen aufstellen. Aus den Antworten – die Auswahl der Interviewpartner obliegt den Schülern – sollen die Teilnehmer mit Hilfe von Moris bis Ende dieses Jahres ein Musikstück entwickeln. Im Moment, so Rothe, sei man in Gesprächen mit zwei achten und zwei neunten Klassen der Luisenschule. Parallel dazu hat das Freie Institut für Bildung die zweite Serie der Café Philo-Abende eröffnet. Unter dem Titel „Geschlechterverkehr“ geht es um Sexualität, Liebe und Pornografie.
Erschienen im 371 Stadtmagazin Heft 10/11
Text: Benjamin Lummer, Foto: Michael Chlebusch
