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„Sachsen droht akuter Lehrermangel“ so oder so ähnlich titelten nahezu alle Tageszeitungen des Freistaates Anfang März. Anlass für diese pessimistische Prognose war die Veröffentlichung einer vom sächsischen Kultusministerium erarbeiteten Analyse zum Lehrerbedarf. Demnach würden bis zum Jahr 2020 etwa 10.700 Lehrer in Sachsen in Rente gehen, ein Großteil davon ab 2015. Bis zum Jahr 2030 würden sogar 72 Prozent der derzeit im Dienst stehenden sächsischen Pädagogen ausscheiden. Herrscht dann in den Schulen des Freistaates gähnende Leere statt ansprechender Lehre?
Um dem entgegenzusteuern will das Kultusministerium nun Abiturienten anschreiben und auf die guten Jobaussichten im Lehrerberuf hinweisen. Das ist die eine kurzfristige Reaktion auf das Schreckensszenario. Eine andere Folge ist dagegen, dass beim Thema Lehrerausbildung der Name einer Universität wieder häufiger genannt wird: die TU Chemnitz. In den nächsten 20 Jahren werden über zwei Drittel der jetzigen Lehrerschaft in Rente gegangen sein.
Schon nach Bekanntwerden einer ersten Analyse des Lehrerbedarfs in Sachsen durch die TU Dresden im Januar dieses Jahres – die ebenfalls auf einen drohenden Mangel an Pädagogen hingewiesen hatte – brachte der hochschulpolitische Sprecher der FDP-Fraktion im Sächsischen Landtag Nico Tippelt die Chemnitzer Universität ins Spiel: „Die Weiterentwicklung der Ausbildung von Lehrern im Freistaat Sachsen muss auch die Frage beantworten, wo die Lehrerausbildung in Zukunft stattfinden soll. Hierzu wurde im Rahmen der Anhörung [...] auch auf den Standort Chemnitz verwiesen.“ Die regionale Verbundenheit sächsischer Studenten berge die Möglichkeit in sich, Abiturienten aus dem Chemnitzer Raum und dem Erzgebirge für ein Lehramtstudium in Chemnitz zu motivieren. Außerdem habe die TU reichlich Erfahrung mit der Ausbildung von Pädagogen.
In der Tat würde die Universität mit der Aufnahme der Lehramtausbildung kein Neuland betreten. 1992 wurde sie in Technische Universität Chemnitz-Zwickau umbenannt. Mit der gleichzeitigen Eingliederung der Pädagogischen Hochschule Zwickau in die Philosophische Fakultät der TU begann auch die Lehrerausbildung in Chemnitz. 20 Kombinationsfächer standen zur Wahl, studiert werden konnte Lehramt für die Schultypen Grund-, Mittel- und Berufsschulen sowie Gymnasien. Zwischen 1997 und 1999 erfolgte TU-Sprecher Mario Steinebach zufolge die Einstellung mit der Begründung, die Lehrerausbildung auf Leipzig und Dresden zu konzentrieren. Die TU, so Steinebach, habe lange dagegen gekämpft, allerdings ohne Erfolg.
Die TU will, das Bildungsministerium schweigt.
Seit einiger Zeit setze man sich in der Tat für die Wiedereinführung von Lehramtstudiengänge ein, bestätigt der TU-Sprecher. Vorerst wolle man sich auf die so genannten MINT-Fächer konzentrieren, das bedeutet Chemie, Physik, Informatik und Mathematik. Ausgebildet werden sollen sowohl Mittelschul- und Gymnasiallehrer als auch Pädagogen für Berufsbildende Schulen. Der Analyse des Kultusministeriums zufolge wird es aber vor allem im Bereich der Grund- und Mittelschulen die größten Engpässe geben. Neben Deutsch, Englisch und Französisch seien Mathematik und Technik betroffen.
Auch aufgrund dessen drängt die TU auf eine baldige Entscheidung: „Je schneller die TU Chemnitz die Lehrerausbildung wieder aufnehmen könnte, desto besser.“ Die Kompetenzen dafür habe man sich durch Lehrerweiterbildung erhalten. Seit Frühjahr 2010 liege dem sächsischen Wissenschaftsministerium (SMWK) ein Konzept der TU Chemnitz zum Thema Lehramtstudiengänge vor. Auf das Papier habe das Ministerium aber laut Steinebach bisher nicht reagiert.
Das SMWK bestätigt den Eingang des Papiers. Es werde selbstverständlich geprüft, entgegnet Pressesprecherin Annett Hofmann auf Nachfrage. Zunächst sei ihr Ministerium aber an den Kabinettsbeschluss vom 19. Oktober vergangenen Jahres gebunden, wonach Lehramtstudienplätze dauerhaft an – mindestens – den zwei bisherigen Standorten Dresden und Leipzig konzentriert werden sollen. Ein Hintertürchen für die TU hält das SMWK trotzdem offen: „Darüber hinaus gehende Strukturentscheidungen werden zu gegebener Zeit im Rahmen der Diskussionen über die Umsetzung der Eckpunkte zur Lehrerbildung in der Staatlichen Kommission Lehrerbildung erörtert.“
In Chemnitz wurden Ausbildungsstrukturen aus politischen Gründen zerschlagen.
Politiker und TU-Mitarbeiter befürworten eine Aufnahme der Lehrerausbildung in Chemnitz. Um den Pädagogenbedarf in Sachsen zu decken, solle neben Dresden auch Chemnitz wieder Standort für die Lehrerausbildung werden, bekannte bereits im vergangenen Jahr die Chemnitzer Landtagsabgeordnete Annekathrin Giegengack. „Allerdings müssten dafür deutlich mehr finanzielle Mittel fließen.“ so die Grüne.
Auch der Professor für germanistische Sprachwissenschaft an der TU Chemnitz, Werner Holly, würde eine Wiederaufnahme der Lehrerausbildung in Chemnitz begrüßen. Als damaliger Dekan der Philosophischen Fakultät hatte er Ende der 90er Jahre – wie die gesamte Universität – gegen die Abschaffung von Lehramtsstudiengängen gekämpft.
Die TU, so Holly, habe die Strukturen für eine Lehrerausbildung besessen und ohnehin die wenigsten Lehramtsstudenten in Sachsen gezählt. Mit einer Konzentration der Lehrerausbildung an der hiesigen Universität wäre man dem Ziel der Sächsischen Staatsregierung, Überkapazitäten abzubauen, am ehesten nahegekommen. Das sei aber politisch nicht durchsetzbar gewesen, Chemnitz sei ein Bauernopfer für die großen sächsischen Universitäten gewesen. Mit den bekannten Folgen: „Uns wurden Strukturen weggenommen, die man heute wieder braucht.“
Da ein Großteil der Fächer nach wie vor gelehrt würden, sei die TU aber zu einer schnellen Wiederaufnahme der Lehrerausbildung fähig. Allerdings würde das dem Sprachwissenschaftler zufolge auch eine Herausforderung bedeuten, da mittlerweile nahezu alle Studiengänge auf Bachelor und Master umgestellt seien. Dennoch wäre es für die TU und vor allem die Stadt Chemnitz ein Zugewinn, wenn künftig wieder Lehramtskandidaten am Standort Chemnitz ausgebildet werden sollten: „Wahrscheinlich würden mehr Studenten aus der Region Chemnitz hier bleiben und nicht zum Studium nach Leipzig oder Dresden gehen.“
Text: Benjamin Lummer Foto: photocase.de/Miss Jones
Erschienen im 371 Stadtmagazin 04/11