Bio in der Schule

Besser essen ist nicht schwer

Bio in der Schule

Jeder hatte Bio in der Schule. Manche quälten sich damit, andere liebten das Photosynthese-Lernen. Aber alle eint eine Erinnerung: Die an die Scheußlichkeit des Schulessens. Ich zum Beispiel habe früher meine 55 Pfennig pro Tag gespart. Stattdessen hatte ich nachmittags auf dem Fussballplatz immer Kekse und Cola. Das war ungesund, ich weiß, aber an diese seltsamen Kartoffelberge mit brauner Soße konnte ich eben nicht ran. Die Ironie des Schicksals führte mich aber später in Teufels Küche, besser gesagt: Ich wurde Koch in der Chemnitzer Schulspeisung.

Nun sah ich nicht nur mit eigenen Augen, was hier geköchelt wurde, ich rührte es sogar höchstselbst zusammen. In Kesseln von den Ausmaßen eines Atomreaktors, in Pfannen, so breit wie Badewannen und mit schaufelgroßen Kellen. Meine Meinung über die Qualität dieser Versorgungsform hat sich dadurch nicht wesentlich verändert. Das ist nun schon einige Jahre her und seitdem hat sich die Schulverpflegung gewandelt. Nur leider nicht zum Guten. Zu DDR-Zeiten erfolgte die Versorgung des sozialistischen Nachwuchses weitgehend dezentral, fast jede Schule hatte íhre eigene Küche. Vorgefertigte Produkte gab es kaum, wenn man von wenigen Gemüsekonserven, Kloßmehl und einem seltsamen Dessertpulver namens „Sofix“ absieht. Heute regieren die Wunderwerke der Convinience-Industrie, die weniger Meisterleistungen von Köchen als von Ingenieuren sind. Mit gesunder und vollwertiger Ernährung hat das wenig zu tun, Kostenoptimierung steht im Vordergrund. Deshalb wurde die Schulspeisung kurz nach der Wende komplett privatisiert. Die kleinen Küchen machten dicht, stattdessen baute man eine große Speisefabrik. Aus dem ehemaligen Zentralen Versorgungsbetrieb entstand die „Elli Spirelli Service GmbH“und die hat seitdem das Kochlöffelmonopol in Chemnitz. Ellis Speiseplan bietet alle Klassiker der Kantinenbewirtschaftung, und die haben sich in den letzten 30 Jahren kaum geändert. Kreativität? Fehlanzeige. Gesunde Ernährung? Nie gehört. Die Liste der Zusatzstoffe ist abenteuerlich. Konservierungsstoffe, Antioxidationsmittel, Phosphate, Geschmacksverstärker oder Süßungsmittel rutschen nahezu täglich durch den kindlichen Verdauungstrakt. Entschuldigend wird die Liste mit dem Vermerk versehen, dass die Zusatzstoffe nicht in der Küche sondern schon beim „Rohstofflieferanten“ zugesetzt werden. Tja, kommt davon, wenn man nicht mehr selber kocht und nur noch Industrieprodukte aufwärmt. Die Krönung in Ellis Sortiment ist aber das Leckerli „Nimms mit“. Für Schüler ohne Pausenbrot wird eine Tüte mit Hanuta, Miniwurst und Pudding angeboten. Elli Spirelli Chef Heiko Fröhlich erklärt warum: „Für uns ist wichtig, dass die Kinder überhaupt etwas essen. 70 % von ihnen kommen ohne Frühstück und ohne ein Pausenbrot in die Schule.“ Sicher, von selbst werden Kinder kaum zu Obst und Körnerbrot greifen. Da hilft nur Aufklärung, zu Hause und in der Schule. Mit den rasanten Steigerungsraten von ökologisch erzeugten Lebensmitteln wächst aber auch der Elternwunsch nach ebensolchem Schulessen. Für Heiko Fröhlich ist Bio-Essen „ein Gedankenspiel“: Er sieht darin aber eher „Schritt 2. Schritt 1 bedeutet für uns, den Kindern überhaupt eine vollwertige Mahlzeit zu gewährleisten.“ Sofort verweist er auch auf die steigenden Rohstoffpreise. „Bio-Essen ist ohne eine Bezuschussung des Essengeldes nicht machbar.“

Etwas anders sieht das Mandy Barth vom ökologischen Cateringservice „Bio-Fee“. Sie würde sich schon freuen, wenn wenigstens die Mehrwertsteuer beim Schulessen wegfallen würde. Darüber hinaus wäre ihrer Meinung nach „ausschließlich Bioessen an Schulen natürlich der Traum.“ An immerhin sieben Schulen hat sie ihn schon erfüllt. Mit guten Erfahrungen: „Unser Bio-Angebot kommt bei den Essern gut an. Wir haben ein gemischtes Publikum, angefangen bei Kindern, wo Bio-Vollwertessen auch zu Hause normal ist. Andere wünschen sich das für ihre Kinder, weil sie es zu Hause nicht umsetzen können. Da gibt es auch schon mal Probleme, wenn z.B. etwas Ungewohntes dabei ist.“ Gar so oft wird das wohl nicht passieren, denn auch die Bio-Fee zaubert Spaghetti, Pizza und Hefeklösse auf den Teller. Doch die ewigen Hits für Kids werden bei Mandy Barth und ihrem Kochteam ausschließlich aus frischen Lebensmitteln zubereitet. Aber sie weiß: „Es ist immer ein Problem der Gewöhnung. Wer natürliches, vollwertiges Essen nicht kennt und nur an zuckersüsse Nascherein, Fastfood und Ge­schmacks­verstärker gewöhnt ist, hat es bei einer knackig frischen Möhre einfach schwerer. Zum Beispiel machen wir den Früchtejoghurt selbst. Mit Naturjoghurt, frisch geernteten Erdbeeren vom Bauerngarten in Kleinolbersdorf und ein bisschen Honig - genial - aber eben nicht bunt in Plastik verpackt und mit Unmengen von Zucker gesüsst.“ Auch Mandy Barth hält Aufklärungsarbeit für dringend notwendig. Und sie hat eine Idee, wie in Zukunft mehr Bio an die Schulen kommt. Vor Ort sollen die dezentralen Schulküchen wiederentstehen. Mit frischen, natürlichen Zutaten soll hier in engster Zusammenarbeit und gegenseitiger Unterstützung durch Eltern, Schüler und Lehrer gekocht werden. Damit wird das Thema Mittagessen kein notwendiges Übel - sondern wichtiger Lebensbestandteil und Grundvoraussetzung für gute schulische Leistungen. In einer Außenstelle in Annaberg setzt die Bio-Fee diese Idee gerade um. Ähnlich macht es der Chemnitzer Waldorf-Kindergarten. Hier wird das Bio-Essen komplett selbst gekocht.

Was auf die Teller kommt, haben die Schüler, Eltern und Lehrer letztendlich selbst in der Hand. „Seit 2000 kann jede Schule mittels Schulkonferenz selbst den Versorger wählen“ erklärt Herr Lindner vom Schulverwaltungsamt. Es gibt viele gute Gründe für Bio-Essen: Es ist garantiert frei von Gentechnik, gesund und schmeckt besser. Die ökologische Landwirtschaft schont Grundwasser, Boden und Luft. Biolandwirte ersparen dem Klima rund 60% des Kohlendioxidausstoßes im Vergleich zu ihren konventionellen Kollegen und Bioböden binden durch eine verstärkte Humusbildung hohe Mengen von CO2.
Übrigens muss keine Schule komplett zum Bio-Caterer wechseln. Manche Versorger wie GFB-Catering bieten neben der konventionellen Verpflegung alternativ ein Bio-Essen an. Und selbst Elli Spirelli bedient sich mittlerweile der Bio-Fee als Parallelversorger an Schulen, in denen eine Nachfrage angezeigt wurde. Man sieht: Bio ist einfacher als gedacht. Erst recht bei der Schulspeisung. Text: Lars Neuenfeld

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