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Verstand vom Leerstand

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Unai

Andere schreckt es ab, doch ihn zieht es an. Unai Gardoki hat einen Hang zu bröckelnden Fassaden, zerbrochenen Fensterscheiben und knarrenden Türen. Kurzum: zu Leerstand. Deswegen hat er sein Herz auch an Chemnitz verloren.Naja, zumindest ein großes bisschen...


„Mein Lieblingsort in Chemnitz ist die Tankstelle – sie hat 24 Stunden geöffnet.“ Wenig romantisch, dafür aber bestechend ehrlich: Unai grinst breit, während er von seinem Lieblingsort in Chemnitz erzählt, „den Küchwald finde ich aber auch schön.“ Na, immerhin etwas. Aber weder Tanke noch Parkbahnheimat haben den Spanier nach Chemnitz kommen lassen, sondern Chemnitz‘ marode Bausubstanz. Zu den Begehungen letzten Jahres hat er den Charme kaputter Häuser für sich entdeckt, für seine Kunst genutzt und Freundschaft mit der Stadt, mit einigen ihrer Bewohner geschlossen. Das war im Sommer.

Kurz vor Silvester ist Unai wiedergekommen. Aus San Sebastian zurück nach Chemnitz. Verrückt? Vielleicht ein wenig. „Einige Leute hier versuchen die alten Häuser wieder fit zu machen, um sie dann auf unterschiedlichste Weise nutzen zu können. Das find ich spannend.“ Genau deswegen ist er hier. Unai ist Architekt. Neues designen will er nicht, Vorhandenes umstrukturieren schon. „Ich will die alten Häuser analysieren, herausfinden, warum keiner mehr drinnen wohnt.“ Der beste Ort für ihn: der Sonnenberg. Die Nachbarschaft sei zwar schon ein bisschen gespenstisch, aber auf jeden Fall ziemlich interessant. „Die Häuser sind gar nicht leer – überall sind noch Möbel, liegen Dinge herum.“ In San Sebastian sei das anders. Dort gäbe es natürlich auch alte Häuser – ganz klar. Aber die wären nicht so schön wie unsere. Zudem würde seine Projekte dann sicher irgendwie mit Politik in Verbindung gebracht werden – San Sebastian liegt im Baskenland – und darauf habe er keine Lust.

Deswegen stehen für die nächsten Monate alte Chemnitzer Häuser auf seiner Agenda– und Deutsch lernen. Auch wenn er mit „Bitte Nein“, „Tschüssikowsky“ und einem charmanten Lächeln recht weit kommt – Pfeffi und Lauterbacher erhält er damit an jeder Bar – für eine Konversation reicht‘s nicht ganz, für ein Studium erst recht nicht. „Ich will gerne noch Bühnenbild studieren – mal schauen, wo ich das machen kann.“ In Chemnitz wird das schon mal nichts, so viel ist sicher. Wie lange er in der Stadt bleiben will, weiß er aber sowieso noch nicht so genau. Ein paar Monate auf alle Fälle, den Sommer über und bei den nächsten Begehungen möchte er auch mitmachen – nicht als Künstler, sondern als Mitglied des Vereins. Immerhin hat da ja auch alles angefangen.

 

Erschienen im Heft 02/14

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