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Bikini des Ostens

Bikini Kommando poppt auf

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Die Pappbastelein von Loto Papel werden auch ausgestellt. Aber es gibt noch viel mehr zu sehen und zu hören.

Der 9. November ist ein staatstragender Tag. Der neunte November ist der Tag, an dem sich Jahr für Jahr Veranstaltungssäle und Kirchenschiffe mit alten beigen Mänteln und andächtigen Hustern füllen, die dem Mauerfall gedenken.

Dieses Jahr gedenken sie besonders innig, schließlich wird der Mauerfall 30 und ist somit spürbar im besten Quarterlife-Krisen-Alter. Man kann an diesem Abend also pathosschwangere Erinnerungsbrocken tragend in trockene Veranstaltungssäle husten und zum tausendsten Mal die düsteren Ist-Zustände des Ostens analysieren. Man kann das ganze memoirgraue Mimimimimen-Theater aber auch einfach mal hinter sich lassen, und sich einer bunten Zukunft zu wenden. Der jungen Kunst zum Beispiel, von der es im Osten, von der es in Chemnitz aktuell eine ganze Menge gibt. Das Bikini Kommando zum Beispiel: Ein Künstler*Innen-Kollektiv aus dem mysteriös-glamourösen Dunstkreis der Band BLOND.

Beim Bikini Kommando handelt es sich um selbsternannte „Autodidakten aus dem Osten“, die endlich mal andere Geschichten als die immerwährenden Wendegeschichten erzählen und die von Quarterlife-Krisen hoffentlich noch weit entfernt sind. Stattdessen erzählt das junge Kollektiv seine Gründungsgeschichte zwischen alltäglicher Chemnitz-Absurdität und regionaler Handwerks-Tradition: „Kennengelernt haben wir uns in der Chemnitzer Eisdiskothek. Am Rande dieser Veranstaltung tauschten wir uns aus und entdeckten unsere gemeinsamen Vorlieben für das Klöppeln und die Vogelkunde. Diese Hobbys sind bis heute das Fundament unserer tiefen Freundschaft und künstlerischen Zusammenarbeit.“

Gefunden haben sich Fassadengestalter und Flötistinnen, DJs und Grafikdesigner, Modemacherinnen und Kunstfälscher. Sie arbeiten mit Illustration, Fotografie, Musik, Stickkunst, Malerei, modernen Entertainmentmethoden und vielleicht auch ein bisschen mit Ironie, das weiß man nie so genau, da lässt man dem Betrachter seinen eigenen Interpretationsraum. Jedenfalls steht das Bikini Kommando symbolisch für einen boomenden Chemnitzer Kreativ-Untergrund, der Experten und Feuilletonisten schon jetzt an das New York der Sechzigerjahre erinnert. Denn hier pulsiert sie noch, diese ungezähmte Energie: Unkonventionell, experimentell, liebevoll durchgeknallt, zeitgeistig grell. Wer sich also an alten beigen Mäntel längst satt gesehen hat, sollte am 09. November unbedingt in die Galerie Borssenanger zur zweitägigen Pop-Up Ausstellung vom Bikini Kommando gehen. Es wird Sekt geben. Mindestens.

Text: Johanna Eisner

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