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Ziemlich erwachsen

Broilers live in der Stadthalle Zwickau

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Die Broilers, deren musikalische Wurzeln tief im Punk-Rock und Oi liegen, landeten mit der neuen Platte "(sic!)", genau wie schon mit dem Vorgänger "Noir" direkt die 1 in den Charts. Im Rahmen ihrer Promo-Phase zu dem letzten Album "Noir" haben wir mit Schlagzeuger Andi gesprochen - hier könnt ihr das auch heute noch sehr aktuelle Interview noch einmal nachlesen:

Die Broilers existieren nun bereits seit zwanzig Jahren, ihre musikalischen Wurzeln stecken tief in der Düsseldorfer Punkrock- und Oi-Punk-Szene. Die aktuelle Platte „Noir“ landete überraschend direkt auf Platz 1 der Charts. Das 371 hat sich mal erkundigt, was Schlagzeuger Andi zu dieser Entwicklung zu sagen hat.

Hallo Andi. Wie geht's dir?
Gut soweit! Wir proben sehr viel und freuen uns, demnächst wieder auf Tour zu gehen.

Ihr wurdet erst kürzlich als "Bester Live Act" für die Eins Live Krone nominiert. Was haltet ihr von solchen Preisen?
Wir sind jetzt nicht unbedingt die Band, die jetzt die und die Lieder schreibt, damit wir im Radio vorkommen. Aber man freut sich natürlich. Gerade in dieser Kategorie, das ist schon was, womit wir uns alle sehr anfreunden können und wir freuen uns sehr auf die Party.

1994 haben Sammy und du die Broilers gegründet. Wie bist du zur Musik, bzw. zur Punkrock-Oi-Szene gekommen?
Ich selber bin zur Musik so ein bisschen durch meinen vier Jahre älteren Bruder gekommen. Der hat mich seit kleinstem Kindesalter mit Bands wie den Toten Hosen oder den Ärzten, Extrabreit und sowas beeinflusst. Der Startschuss dann wirklich in Richtung Punkrock waren dann die Toten Hosen mit ihrem Album „Learning English Lesson One“. Das war so um 1992, als Sammy und ich uns auch kennengelernt haben und die Platte war wie ein Weckruf. Außerdem gab es hier in Düsseldorf so einen Laden, der hieß "Haus der Jugend", da haben wir die ersten Oi-Skins kennengelernt und waren schon sehr begeistert, sowas wollten wir auch. Gerade weil man in dem Alter mit dem Iro Eltern und Lehrer nicht mehr richtig schocken oder provozieren konnte.

Seitdem habt ihr, gerade musikalisch, eine ganz schöne Entwicklung durchgemacht. Wo würdest du eure Band heute einordnen?
Das ist immer ein bisschen schwierig. Man neigt natürlich dazu, Bands in irgendwelche Schubladen stecken zu wollen, Punkrock, Rock oder sowas. Wenn wir uns irgendwo einordnen müssten, wäre das sicherlich noch irgendwo im Punkrock Bereich, obwohl es das, streng genommen, nicht mehr wirklich ist. Allerdings ist uns schon wichtig, dass wir mit einem Bein immer in der Szene stecken bleiben. Da fühlen wir uns einfach am wohlsten, da kommen wir her, da sind unsere Wurzeln. Das beeinflusst auch noch viel von unserem Denken und unserer Art. Von daher wäre das schon noch die Schublade, die wir am Liebsten aufmachen würden. Aber musikalisch sind wir schon breit gefächert, weil wir auch alle einen sehr unterschiedlichen Musikgeschmack haben.

Jedes eurer Alben unterscheidet sich jeweils sehr von seinem Vorgänger. Legt ihr es drauf an, dass das so ist, oder ist das ein natürlicher Prozess?
Das passiert wirklich einfach so. Wir haben da keinen Master-Plan, dass wir sagen: Das nächste Album muss jetzt in die oder die Richtung gehen. Wir haben das mal probiert, dass man sagt, okay, irgendwie fehlt uns jetzt noch ein Reggae-Stück. Das geht aber schnell in die Hose, das wirkt sehr bemüht und am Ende merkt man das auch.

Viele finden euer aktuelles Album „Noir“ zu sehr Mainstream. Was haltet ihr von solcher Kritik?
Also ganz ehrlich, am Anfang hat es schon wehgetan. Aber generell finden wir es schon schöner, wenn eine Platte polarisiert, das ist besser, als wenn die lauwarm in der Mitte rumdümpelt. Generell wollen wir uns von niemandem vorschreiben lassen, was wir zu tun haben, also sei es von Seiten des Labels, noch von Seiten der Fans. Was mich wirklich so ein bisschen aufregt ist, wenn Leute uns ständig vorwerfen, das sei jetzt Kommerz. Viele von denen kennen nicht mal die Oi-Bands, die wir damals abgefeiert haben, von daher ist das immer so ein bisschen müßig.

Wie glücklich seid ihr mit der fertigen Platte?
Schon sehr. Es ist alles so, wie wir uns das vorgenommen haben. Natürlich, wenn man ne Platte aufnimmt, gibt es im Nachhinein immer Sachen, die man hätte anders machen können. Aber das ist immer so, ich glaube das liegt einfach in der Natur der Sache.

In einer Review zu "Noir" habe ich gelesen, dass man am besten in den Mittdreißigern stecken sollte, um das Album so richtig verstehen zu können. Würdest du das so unterschreiben?
Das kann sogar so sein. Ich weiß nicht, ob man das immer so am Alter festmachen kann, aber ich glaube, was er meint ist, dass viele Texte so über diese Zerrissenheit gehen. Einige Lieder handeln von dieser Suche danach, wo man jetzt im Leben steht. Und ich glaub das kann man am besten nachempfinden, wenn man selbst in der Situation steckt.

Seht ihr euch heute noch als politische Band, oder ist das für euer Songwriting nicht mehr so wichtig wie früher?
Das ist ein super wichtiges Thema für uns und ich würde sogar sagen noch wichtiger, als es das früher für uns war. Wir haben einfach das Gefühl, dass im Moment sehr viel falsch läuft und wenn man schon die Chance hat sowas vor großem Publikum zu sagen, dann hat man da auch eine gewisse Verantwortung. Das war auch einer der Gründe, warum wir "Ich will hier nicht sein" mit der ganzen Flüchtlingsthematik als zweite Single genommen haben. Dass wir da unseren Erfolg nutzen können, auf solche Dinge aufmerksam zu machen, das ist uns sehr wichtig. Wir sehen uns klar als linke Band und das wollen wir auch jedem zeigen. Wir wollen weder mit Nazis feiern, noch wollen wir, dass solche Leute uns hören.

Wie läuft das Songwriting eigentlich ab?
Das sieht meistens so aus, dass Sammy, unser Sänger, mit einer unfertigen Lied-Idee in den Proberaum kommt. Das wird dann erstmal grob geprobt, also jeder schrammelt erstmal drauf los und dann guckt man, in welche Richtung sich das entwickeln könnte. Wenn wir das dann ausgefeilt haben gehen wir ins Studio und dann kommen oft auch erst die fertigen Texten.

Der immer größere Erfolg, auch schon nach dem letzten Album "Santa Muerte", mündet auch darin, dass ihr in immer größeren Hallen spielt. Wie findet ihr das?
Wir sind im Moment noch in der sehr schönen Situation, dass wir auch beides machen können. Wir haben auch immer wieder die Chance, in ganz kleinen Läden zu spielen und das machen wir auch gern. Aber wenn man jetzt vor 10.000 Leuten in einer Halle steht, dann ist das natürlich auch ein unbeschreibliches Gefühl.

Nach welchen Kriterien wählt ihr eure Vorbands aus, wie in Chemnitz zum Beispiel Feine Sahne Fischfilet?
Die Vorband wählen wir als Band aus und das geht dann nach Geschmack und Vorlieben. Wir sammeln also erstmal in einem großen Topf und dann schaut man, was man sich leisten kann, was terminlich klappt. Feine Sahne Fischfilet haben wir auf einem Festival kennengelernt und uns auf Anhieb super verstanden und haben an dem Abend schon gesagt, dass man die doch mal mitnehmen könnte.

Habt ihr auf Tour als Band irgendwelche Rituale?
Ja, tatsächlich unglaublich viele (lacht). Gerade auf Festivals sind die Rituale manchmal länger als der Auftritt selber. Im Backstage treffen wir uns abends alle, dort singen wir immer die gleichen Lieder um ein bisschen die Stimme aufzuwärmen und in Fahrt kommen. Dann mixt Julius, unser Saxophonist, Gin Tonic für alle. Dann wird angestoßen, sich umgezogen und dabei schlimme achtziger Jahre Musik gehört. Vor der Bühne kriegt nochmal jeder ein Küsschen und dann geht‘s los.

Gibt es für euch als Band noch große Ziele, die in Zukunft anstehen?
Da gibt’s sicher noch das ein oder andere. Ein großes Ziel war, in der Philipshalle in Düsseldorf zu spielen, das haben wir uns jetzt vor zwei Jahren erfüllen können. Auch wenn sich’s mega cheesy anhört: Ich glaube das größte Ziel ist, dass man sich nicht verkracht und Freunde bleibt und das Ganze so weiterführen können, wie wir das gerade machen.

Die Broilers spielen am 27.12.2017 in der Stadthalle Zwickau.

Interview: Lisa Kühnert Foto: Jessika Wollstein

Erschienen im Heft 12/14

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