Tipps

Mensch, Leinwand, Farbe

Junge Malerei im Gunzenhauser

Veröffentlicht am:

Anja Richter neben David Lehmanns 2019er Bild Piano Nobile

Anja Richter neben David Lehmanns 2019er Bild Piano Nobile

Am 20. September startete im Museum Gunzenhauser eine Ausstellung, die unbedingt das Zeug zum Kunst-Blockbuster hat. „Jetzt! Junge Malerei in Deutschland“ will nicht weniger als den Jetzt-Stand der Malerei ausloten. Lars Neuenfeld sprach darüber mit Kuratorin und Museumschefin Anja Richter.

 

Liebe Anja Richter, „Jetzt! Junge Malerei in Deutschland“ wird angekündigt mit über 500 Werken von 53 Künstler*innen an vier Ausstellungsorten. Wie soll das ablaufen?
Die Ausstellung läuft zeitgleich im Kunstmuseum Bonn, im Museum Wiesbaden und im Museum Gunzenhauser der Kunstsammlungen Chemnitz. Alle 53 Künstler*innen sind mit mehreren Bildern in den drei Museen vertreten. Daher die große Zahl der Werke. Allein im Museum Gunzenhauser werden 170 Bilder zu sehen sein. Mittels Virtual Reality-Brillenkann man sogar ausgewählte Räume der jeweils anderen Museen besuchen. Im Anschluss an die Ausstellungen wird ab dem 7. Februar 2020 eine Art Best Of in den Deichtorhallen in Hamburg gezeigt. Wiederum mit allen Künstler*innen, aber weniger Bildern.

 

Was war die Idee dahinter?
Wir wollten dieses alte, traditionsbehaftete Medium Malerei untersuchen. Uns beschäftigte  die Frage, welchen Stellenwert das klassische, zweidimensionale Tafelbild in einer jüngeren Künstlergeneration noch hat. Wie bearbeiten junge Menschen in unserer heutigen, digitalen Welt, in der es in der Kunst immer mehr um Film, Video, um Installationen, Raumkonzepte und Vermischung von all dem geht, dieses Thema? Das war die spannende Ausgangsfrage und ich glaube, wir haben eine sehr gute Antwort darauf gefunden.

 

Und die wäre? Oder anders gefragt: Kannst du anhand der Werkauswahl einen Trend erkennen, wohin sich aktuell die Malerei in Deutschland entwickelt?
Was auffällt, ist ein Befragen des Mediums Malerei durch die Künstler*innen. Was sind die Möglichkeiten, wo sind die Grenzen? Diese Fragestellungen sind immer präsent. Und dann fällt auf, dass die Werke schwer zu klassifizieren sind. Man kann nicht sagen, dass ist gegenständliche Malerei und das gehört zur abstrakten. Es sind eher Hybride. Die heutige Generation schöpft aus einem großen Pool an Einflüssen, Ideen und Traditionen und interpretiert das alles für sich neu. Sie versucht die Eindeutigkeiten aus der klassischen Malerei zu vermeiden.

 

Junge Malerinnen und Maler gibt es sicher Tausende in Deutschland. Wie wurde die Auswahl getroffen?

Zunächst haben die Mitarbeiter*innen der beteiligten Museen selbst Vorschläge eingebracht, dann wurden Expert*innen hinzugeholt. Wir haben bei Hochschulen nachgefragt und anderen Kunsthistoriker*innen. So kam eine Liste mit ca. 200 Namen zustande. Dann begann der spannendste Teil der Arbeit: Wir haben all diese Künstler*innen in ihren Ateliers besucht, Werke angeschaut und uns mit ihnen unterhalten. Das ist mit die schönste Arbeit für mich als Kunsthistorikerin gewesen. Der Besuch in den Städten, den teilweise schrammligen Ateliers, die Gespräche mit den jungen Künstler*innen. Am liebsten würde man nur so etwas machen. Aber wir mussten uns dann entscheiden. 50 sollten ausgewählt werden, 53 sind es am Ende geworden.

 

Sind auch Chemnitzer Künstler*innen vertreten?
Nein.

 

Warum nicht?
Es war nicht Anspruch der Beteiligten, eine irgendwie repräsentative Auswahl darzustellen und es ist keineswegs so, dass die 53 Ausgewählten nun die besten jungen Malerinnen und Maler Deutschlands wären. Wir wissen natürlich, dass es auch hier sehr gute Künstler*innen gibt. Aber es sind übrigens auch keine Künstler*innen aus Wiesbaden oder Bonn dabei.

 

Das Museum Gunzenhauser ist eigentlich ein Sammlungsmuseum, das in den letzten Jahren auf einer vergleichsweise kleinen Fläche auch aktuelle Positionen in der bildenden Kunst vorstellte. Nun der Turn: Die komplette Dauerausstellung wandert bis zum nächsten Februar ins Depot. Wie ist das für dich als Chefin des Hauses?
Zugegeben seltsam. Ich habe die gesamte Entwicklung des Hauses miterlebt, erst als Assistentin von Ingrid Mössinger, seit 2014 als Kuratorin. Es war schon komisch, jetzt alles abzuhängen und ins Depot bringen zu lassen. Andererseits freue ich mich sehr, das Haus jetzt mal ganz anders zu sehen. Außerdem ist es eine wunderbare Gelegenheit, die Dauerausstellung im Februar wieder neu zu hängen und dann auch Werke aus Gunzenhausers Sammlung zu präsentieren, die bisher nicht zu sehen waren. 

 

Hätte der Stifter Alfred Gunzenhauser das zu Lebzeiten gestattet?
Ich denke schon. Dr. Alfred Gunzenhauser war ja Galerist und hat sich immer für zeitgenössische Kunst interessiert. So ist ja auch ein großer Teil seiner Sammlung entstanden. Ihm hätte diese Ausstellung bestimmt gut gefallen.

 

Glaubst du, dass junge Malerei auch ein junges Publikum ins Museum zieht?
Natürlich. Aber ich hoffe auch, dass sich genauso ein älteres Publikum neugierig darauf einlässt. Die Malerei gilt ja auch als die Königsdiziplin der Künste und in dieser Ausstellung kann man viel Neues über sie erfahren, aber auch viel über die klassische Malerei ablesen. Die grundlegende Herangehensweise ist ja seit Jahrhunderten gleich geblieben: Mensch, Leinwand, Farbe. Ich wünsche mir, dass die Besucher*innen ein Gefühl dafür bekommen, was Malerei sein kann.

 

Junges Publikum rezipiert Kunst auch auf andere Weise, die Smartphone-Kamera wird quasi zum dritten Auge. Für all jene stellvertretend die Frage: Wie instagramig wird die Ausstellung?
Ich denke, sie wird sehr instagramig, auch wenn das für uns natürlich kein Auswahlkriterium war. Aber es gibt wahnsinnig viele, sehr unterschiedliche Motive und Details. Also ein Fest für Instagramer! Es gibt ja kein Fotoverbot im Museum, deshalb fordern wir auch aktiv auf, zu fotografieren und die Fotos zu teilen.

 

Danke für das Gespräch.

Jetzt! Junge Malerei in Deutschland, 21. September 2019 – 19. Januar 2020 Kunstsammlungen Chemnitz – Museum Gunzenhauser, Vernissage am 20. September um 19 Uhr

Zurück