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Graus & Schrecken

Musical Struwwelpeter am Schauspielhaus

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Musical Struwwelpeter am Schauspielhaus

Würde Emir Kusturica ein von Brecht verfasstes Kabarett-Manuskript unter Bühnenbildner-Hilfe von Salvador Dalí verfilmen, wären The Tiger Lillies nicht mehr ganz so einzigartig. Was auf Facebook als Brechtian-Punk-Kabarett proklamiert wird, besticht seit Ende der Achtziger durch melancholische Klänge und rabenschwarzen Humor über die Gossen und ihre Bewohner: Prostituierte und Drogenabhängige.

All diese Schwingungen und Einflüsse bündeln The Tiger Lillies in ihrem Musical Struwwelpeter, welches seit September am Chemnitzer Schauspielhaus gespielt wird. In bester Tiger Lillies-Manier werden hier die Geschichten des Kinderromans inszeniert, welche wegen ihrer morbiden Erzählungen 1844 weltberühmt wurde. Regisseur Carsten Knödler hat das adaptierte Musical nach Chemnitz geholt: Papa und Mama Biedermann sehnen sich nach einem Kind. Als der Storch den erhofften Sprössling endlich in ihre Bilderbuchidylle bringt, entpuppt er sich als Struwwelpeter und stellt das ach so artige Weltbild der Eltern höchst anarchisch in Frage. Oh Schreck, oh Graus. Plötzlich sind es nicht mehr die Kinder, die ihr Fett abkriegen, sondern die Eltern, die ihren Kindern nur ein hohles Erziehungsgebäude auf den Weg zu geben vermögen, weil sie sich ihren eigenen Ängsten nicht stellen. Unvorbereitet werden sie mit kindlicher Anarchie und Vitalität konfrontiert, vor der sie in Aspik und Alkohol erstarren.

Die Musiker von The Tiger Lillies scheinen direkt dem düsteren Londoner Soho des Viktorianischen Zeitalters zu entstammen. Ihre bitterbösen, schräg-komödiantischen Texte, versetzt mit beißender Ironie, kennen keine Tabus. Die musikalische Bandbreite reicht von herzzerreißend schaurig-schönen Balladen bis zu ekstatischen Klezmer-Polka-Klängen. Schamlos gut unterhalten die drei Londoner Originale ihr Publikum mit ihrer einzigartigen Mischung aus radikaler Oper, Varieté und postmodernem Vaudeville. Die Band wurde 1989 von dem Sänger und Liedermacher Martyn Jacques gegründet, der als einziger der ursprünglichen Besetzung noch dabei ist. Mit seiner Falsettstimme, Clownsmaske und Kleidung aus dem 19. Jahrhundert prägt er den Stil der Band.

Bild: Dieter Wuschanski

02. & 29.12. / Schauspielhaus

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