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Aus(dem)Raster

Systemsprenger im Kino

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Benni mittig, schreiend, mit wutverzerrtem Gesicht

Benni ist ein krasses Kind: Sie schlägt, prügelt sich, schreit und weint im nächsten Moment, sehnt sich nach ihrer Mutter, die gnadenlos überfordert ist. Sie wird von Heim zu Wohngruppe zu BetreuerIn weitergegeben, doch keiner kriegt sie zu fassen. Sie ist ein Systemsprenger.

Wer dieses Jahr auch nur mit halbem Auge auf die Berlinale geschaut hat, kam an Nora Fingerscheidts Dokumentarfilm Systemsprenger nicht vorbei. Er wird bewundert und beklatscht von allen Seiten, auch wenn keiner eine Lösung hat für das offensichtliche Problem:
Benni hat als Baby viel mitmachen müssen, bekam Windeln ins Gesicht, von ihrer verzweifelten Mutter zu wenig Liebe und von deren gewalttätigem Freund erst recht nichts Gutes. All das zeigt sich nun, mit neun Jahren. Zu wem sie auch kommt, wie gut der oder diejenige es auch meint, sie ist zu viel, bringt geschulte PädagogInnen an ihre therapeutischen und menschlichen Grenzen. Ihre Sozialarbeiterin Frau Bafané (Gabriela Schmeide) wagt den Versuch, Benni mit dem erfahrenen Anti-Gewalt-Trainer Micha drei Wochen in den Wald, auf eine einsame Hütte zu schicken. Er arbeitet nicht zum ersten Mal mit einem vermeintlich hoffnungslosen Fall und kommt an Benni heran- doch sie schützt sich reflexartig vor einer realen Bindung, eine Zurückweisung mehr wäre zu viel für sie, das weiß sie.
Helena Zengel spielt Benni genial, brutal, liebenswert, man sieht in ihren Augen die Sehnsucht nach ihrer Mutter und hört in ihren schrillen Schreien die Wut über die Ungerechtigkeit. Trotz aller Hilfe und Bemühung hilft nichts- Es ist ein Teufelskreis, der dem Zuschauer einen Beschützerinstinkt und einen Kloß im Hals beschert. Sie fällt auf und doch fällt sie durch das Raster das Sozialsystems, mit für eine solche Sprengkraft eines Kindes, die man nur von Erwachsenen erwartet, kein Protokoll und keine Lösung hat.

„Systemsprenger“ beschönigt nichts, liefert keine einfachen Antworten, geht da hin, wo es weh tut - und trotzdem ist das Spielfilmdebüt von Nora Fingscheidt alles andere als ein trockener Problemfilm, sondern eine mitreißende, berührende Leinwand-Tour-de-Force, in der das Kinopublikum die Machtlosigkeit aller Beteiligten am eigenen Körper zu spüren bekommt.“ (Christoph Petersen, filmstarts)

26. & 27.11. / Metropol

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