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Hand und Fuss

Anne Klinge gastiert mit ihrem Fusstheater im Arthur

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fusstheater anne klinge

Mit ihrem einzigartigen Fußtheater ist Anne Klinge weltberühmt geworden. Fernsehauftritte bei Bülent Ceylan oder Thomas Gottschalk trugen dazu bei. Nun kommt sie bereits zum zweiten Mal nach Chemnitz. Trotz langer Tourliste hat sie sich für ein Interview mit dem 371 Zeit genommen.

Frau Klinge, wie kommt man darauf, sich ausgerechnet mit den Füßen in den Mittelpunkt der Bühne „stellen“ zu wollen?

Anne Klinge: Ich habe unter anderem Schauspiel und Pantomime studiert und im Kindertheater gearbeitet. Irgendwann habe ich angefangen mit den Gumminasen, die ich im Kindertheater selbst auf dem Gesicht hatte, zu experimentieren. Dabei entstanden dann diese besonderen Fußfiguren und auch Schritt für Schritt meine Fußtheaterprogramme.

Inzwischen ist Ihre Tourliste sehr lang - Hätten Sie sich erträumen lassen, dass das Fußtheater Sie so berühmt macht?

Anne Klinge: Ich habe nie damit gerechnet und es war auch gar nicht meine Absicht, berühmt zu werden. Es war eher die Lust daran, etwas neues zu kreieren, also das, was ich gelernt hatte, nämlich Schauspiel und Regie mit meinem Interesse fürs Figurentheater zu kombinieren. Von Anfang an war es mir wichtig, dass es hierbei nicht nur um den bloßen Effekt verkleideter Füße geht. Seit der Entstehung des Fußtheaters vor 20 Jahren arbeite ich konsequent an der Perfektionierung dieser Technik. Der Durchbruch kam dann nach etwa 10 Jahren, als ich die Werbung professionalisiert habe. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich dann auch das Gefühl, dass ich es wagen kann, mich einem weltweiten Publikum zu zeigen. Ich bekam dann auch sehr schnell Kleinkunstpreise auf Festivals und Anfragen für Fernsehauftritte.

Was tun Sie, wenn Sie nicht gerade auf Tour sind oder einen Auftritt in Fernsehshows haben?

Anne Klinge: Ja, ich habe wirklich einen dichten Zeitplan. Auf meiner Homepage sind noch nicht mal alle Auftritte aufgelistet. Mein größtes Hobby sind natürlich meine beiden Kinder, mit denen ich mich viel und intensiv beschäftige. Zudem gehe ich gerne Wandern oder arbeite im Garten. Ich reise auch gern. Schön ist, dass ich diese Leidenschaft mit meinem Beruf verbinden kann.

Für „Das tapfere Schneiderlein“, das Sie in Chemnitz aufführen werden, werden Sie ca. 45 Minuten lang auf der Bühne sein. Was tun Sie dafür, um die Füße so lange in der Luft halten zu können?

Anne Klinge: Ich komme aus dem Leistungsturnen, so bringe ich schon Beweglichkeit mit. Eine Stunde vor dem Auftritt mache ich dann ein genaues Aufwärmprogramm, das vielleicht Yoga am ähnlichsten ist.

Gibt es im Stück „Das tapfere Schneiderlein“ und auch in anderen Stücken besondere Schwierigkeiten, wie zum Beispiel in der Umsetzung der Mimik der „Protagonisten“ oder im Wechsel der Figuren?

Anne Klinge: Dadurch, dass ich alleine auf der Bühne bin, stehen dem Stück im Grunde nur zwei Füße und zwei Hände zur Verfügung. Das begrenzt die Anzahl der Figuren oder fordert unkonventionelle, oft witzige Lösungen. Umzüge verbinde ich dann gerne mit Pointen. Zum Beispiel, wenn an einem Fuß aus der Pflaumenmusfrau der Riese werden muss, nimmt sie zum Schlafen Haare und Nase ab. Auf den nun nackten Fuß setze ich die Perücke und die Nase des Riesen mit dem Hinweis, dass der Schneider seinen zotteligen Hund Fifi zu Hause vergessen hat Der "Hund" setzt sich nun zum "Fuß", um darauf zu warten, dass der Schneider wiederkommt. So ist der Umzug zu einer neuen Figur in eine lustige Geschichte eingebettet.

Wie kommen Sie von der Idee zur Umsetzung des Stückes? Setzen Sie sich einfach daheim auf den Boden und probieren mit Ihren Händen und Füßen herum? Fertigen Sie Skizzen an oder entwerfen Sie ein Skript?

Anne Klinge: Das sind immer sehr unterschiedliche Herangehensweisen. Für Märchen schreibe ich  vorher einen Text, da diese im Gegensatz zu den nonverbalen Erwachsenenstücken, dialogisch sind. Bei den Erwachsenenprogrammen gehe ich von einer Grundidee aus und gelange durch Improvisation zur Ausarbeitung. Dann müssen auch noch ganz praktische Dinge geklärt werden, zum Beispiel wohin ich mir die Dinge am besten lege, um an sie heran zu kommen oder welche Hand in welchem Moment zu welcher Figur gehören soll. Den endgültigen Schliff bekommt die Geschichte dann bei den ersten Aufführungen, da geht es dann oft auch noch um Reduktion.

Was meinen Sie, ist der Effekt auf den Zuschauer, der die Füße als Gesichter wahrnimmt? Gab es vielleicht sogar schon einmal negative Kommentare oder gar Ausdruck der Abneigung? Das Thema Füße ist für den ein oder anderen sicherlich ein Tabuthema...

Anne Klinge: In der Regel sind die Leute fasziniert. Ich hatte aber auch schon den Fall, dass eine Frau nach einem Auftritt in der Schweiz auf mich zukam und mir sagte, dass sie Füße nicht so mag. Andersherum habe ich hin und wieder auch mit Menschen zu tun, die total auf Füße stehen – das kann dann fast lästig werden. Momentan bin ich hin und hergerissen, ob ich eine Auftrittsanfrage aus dem arabischen Raum annehmen soll. Dort ist es, soweit ich weiß, problematisch, die puren Fußsohlen zu zeigen.

Wir leben in einer schnellen, sich stetig entwickelnden, digitalisierten Welt. Worin liegt Ihrer Meinung nach der Reiz, sich ein eigentlich „schlichtes“, mit Händen und Füßen performtes Stück, anzusehen?

Anne Klinge: Die Zuschauer beschreiben mir, dass sie während des Spiels vergessen, dass hinter den so lebendigen Figuren, noch jemand liegt. Es entsteht eine kreative Atmosphäre, weil die Fußgesichter nur mit den Nasen, ohne Augen und Mund und den sich immer verändernden Falten und Blickwinkeln einen großen Freiraum lassen, um in die Figuren Charaktere, Gedanken und Emotionen hineinzuinterpretieren. Das ist vielleicht auch ein Gegensatz zu unserer oft überinterpretierten Welt des Massenkonsums.

Was ist Ihr persönliches Highlight Ihrer Karriere? Gab es einen Auftritt, der Sie beeinflusst hat oder eine Begegnung, die Sie so schnell nicht vergessen werden?

Ich erinnere mich noch sehr gut an meinen Auftritt auf dem internationalen Gaukler- und Kleinkunstfestival Koblenz.  Da gab es eine Gruppe holländischer Künstler, von denen das Publikum sehr angetan war. Und dann dachte ich Oje, wie komme ich wohl mit meiner so konzentrierten, kleinen und poetisch ruhigen Geschichte dagegen an. Und dann habe ich nicht versucht "groß" zu spielen, sondern habe auf mein Spiel vertraut und plötzlich spürte ich, wie die 2000 Zuschauer ganz bei mir waren und ein fast atemloses Staunen entstand. Das war ein gutes Gefühl. Schön war, dass ich dann sogar den ersten Preis für meinen Beitrag gewonnen habe.
Grundsätzlich mache ich mir aber weniger Gedanken über den Erfolg, auch heute, nach über 20 Jahren macht es mir einfach noch riesig Spaß, meine Fußfiguren leben zu lassen und den großen und kleinen Zuschauern dabei eine Freude zu machen.

19.07. / 10:00 / Arthur Wiesenbühne

Anne Klinges Aufführung von „Der gestiefelte Kater“ beginnt gegen 11 Uhr und dauert 45 Minuten. Ab 10 Uhr  können sich die Kinder auf der schönen Arthurwiese spielerisch austoben. Die Eltern können währenddessen einen Kaffee oder Snack genießen. Bei schlechtem Wetter findet die Veranstaltung im Haus Arthur statt.

Ein Video von Anne Klinges Spiel gibt es hier.

http://www.fusstheater.de/

Interview: Anna Scholaske

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