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Mehr als Exponate

smac mit Geschmack

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50.000 Jahre alter Faustkeil

Am 16. Mai 2014 eröffnete das Staatliche Museum für Archäologie Chemnitz, kurz smac. 6000 Exponate galt es für das Museum ins rechte Licht zu rücken. Zuständig dafür waren nicht nur Archäologen, sondern vor allem auch das in Stuttgart ansässige Architekturbüro Atelier Brückner. Wir haben bei Tanja Zöllner und Claudia Luxbacher von Atelier Brückner nachgefragt: Wie entsteht eigentlich eine Museumsausstellung?


Das Gebäude selbst hat eine Geschichte, die bis in die 1930er Jahre zurückreicht. Der Architekt war Erich Mendelsohn, der als einer der bedeutendsten Architekten des 20. Jahrhunderts gilt. Hatte die Arbeit an einem seiner Bauwerke einen besonderen Stellenwert?
Das Chemnitzer Schockengebäude ist international als Architekturikone bekannt. Für uns in Stuttgart Ansässige hat es zudem eine besondere Bedeutung, wurde doch das hiesige Schocken-Kaufhaus 1960 abgerissen. In Anbetracht dessen ist dieses Projekt etwas ganz Besonderes und der respektvolle Umgang natürlich selbstverständlich.

Welche baulichen  Besonderheiten galt es zu beachten, die die Ausstellungskonzeption beeinflussten?
Wir haben über die gesamte Sanierungszeit hinweg mit den Architekten und dem Denkmalschutz zusammengearbeitet. Die architektonischen Besonderheiten, die charakteristisch für das Schocken und den Stil Mendelsohns sind, sollten nicht verändert, sondern beibehalten werden. Um den offenen Kaufhauscharakter zu bewahren, wurden die Stützenstränge nicht verbaut und darauf verzichtet, unnötige Wände einzuziehen.
Die niedrige Deckenhöhe in den oberen Etagen ist für Museumszwecke eigentlich ungeeignet, aber wir haben die Ausstellung so gestaltet, dass dies dem Besucher nicht auffällt und die Ausstellungsetagen großzügig wirken. Das zeitdynamische Sachsenmodell im Zentrum der Ausstellung und der 21 Meter hohe Erdschnitt im neuen Aufgang verbinden alle drei Etagen mit dem Foyer und fügen über diese Vertikale die Ausstellungsetagen zu einer Einheit zusammen.

Wie wird die Verbindung von Architektur zu Archäologie und Geschichte erzeugt? Der Archäologe weiß vermutlich nicht, welche Informationen Sie als Architekt brauchen, im Umkehrschluss sind Sie als Architekt kein Archäologe.
Im Atelier Brückner entwickeln wir maßgeschneiderte Projekte, indem wir aus den Inhalten Raumbilder und Raumchoreographien entwickeln. Dabei stellen wir immer individuelle, interdisziplinäre Projektteams auf, die nicht nur aus Architekten bestehen, und arbeiten sehr eng mit den Auftraggebern zusammen. In Chemnitz war es ein großes Kuratorenteam, zunächst unter Leitung des Projektkoordinators Thomas Spring. Zudem gibt es eine Kooperation mit dem Max-Planck-Institut, das uns immer wieder mit Informationen gefüttert hat. Wir bringen Inhalte im Raum zum Sprechen. Für diese Herangehensweise an Ausstellungskonzeptionen hat sich seit der Expo 2000 in Hannover auch der Begriff „Szenografie“ eingebürgert. Es geht hierbei um mehr, als den Besucher nur mit textlichen Infos zu versorgen. Er soll vielmehr in die Inhalte direkt eintauchen können. Beim smac haben wir beispielweise für die „Eiszeit“ ein begehbares Raumbild geschaffen.

Das Atelier Brückner hat bereits viele erfolgreiche Ausstellungen konzipiert. Gibt es ein Grundkonzept in der Umsetzung oder erfinden Sie sich jedes Mal neu?
Jedes Museum ist anders. Da unterschiedliche Inhalte unterschiedliche Sprachen verlangen, gibt es kein gleiches Erscheinungsbild, aber ein gleiches Grundkonzept: unsere Philosophie heißt „form follows content“ – und somit richtet sich die gewählte Form immer nach dem zu vermittelnden Inhalt. Prof. Uwe R. Brückner, Gründer und Kreativdirektor von Atelier Brückner, zählt zu den Protagonisten im Bereich der Szenografie. Er selbst ist studierter Architekt und Bühnenbildner – dies prägt unsere Herangehensweise an die Visualisierung von Inhalten.

Hatten Sie bei der Ausstellungsgestaltung freie Hand?
Wenn es uns gelingt, Inhalte adäquat und durchaus überraschend zu vermitteln, dann haben wir relativ freie Hand. Die Kuratoren sowie der Fachbeirat waren aber während des gesamten Prozesses als Feedbackgeber involviert.

Inwiefern spielt Multimedialität eine Rolle in modernen Ausstellungen - und wie wurde sie hier umgesetzt?
Medien sind für uns alle Mittel, die Inhalte vermitteln. Der Raum selbst ist dabei das wichtigste Medium, zu dem dann beispielsweise Licht und Grafik treten, um eine bestimmte Aussage zu erzeugen. Die digitalen Medien sehen wir nicht um ihrer selbst willen im Vordergrund, sondern integriert in die Szenografie. Dem zeitdynamischen Sachsenmodell kommt beispielsweise die inhaltliche Aufgabe zu, dem Besucher den Gesamtzusammenhang der räumlich-strukturellen Entwicklung zu vermitteln. Wir wählen diesen integrativen Ansatz, um ein bestmögliches Verständnis und Erlebnis zu ermöglichen. „Info on Demand“ nennen wir es, wenn dem Besucher nach Bedarf Hintergrundinformationen geliefert werden, um tiefer in die Geschichte einzutauchen.

Sind reine „Anschau-Museen“ antiquiert? Braucht die heutige Gesellschaft mehr als nur das Exponat an sich?
Bei dem Thema Archäologie geht man ja häufig von antiquierten Gegenständen aus. Wir wollen den Besuchern spielerisch klarmachen, dass die Archäologie aber ganz im Gegenteil eine sehr aktuelle Wissenschaft ist, in der zum Beispiel auch Gen-Forschung betrieben wird. Eine Ausstellung bietet mehr als nur Information. Sie bietet ein begehbares Ambiente, das ganz andere Zugänge ermöglicht als nur der Besuch einer Website. Sie bietet ein dreidimensionales, interaktives Erlebnis, das durchaus sehr nachhaltig ist.

Interview: Vera Jakubeit Foto: Jutta Böhme

Erschienen im 371 Stadtmagazin 05/14

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