Tipps

Trettmann statt Dampflok

Tage der Industriekultur

Veröffentlicht am:

Nach zweihundert Jahren Industriegeschichte sind die Tage der Industriekultur im Elektrozeitalter angekommen.

Die Chemnitzer Tage der Industriekultur gibt’s jetzt seit neun Jahren. Sie wurden im Jahr 2010 erfunden, nachdem im Vorjahr anlässlich des 200. Geburtstags des Chemnitzer Industriehelden Richard Hartmann wie zu seiner Zeit eine Dampflok von 16 Pferden durch die Stadt gezogen wurde. Ein großer Publikumsmagnet, der auch bei seiner Wiederholung 2010 im Rahmen der drumherum gedachten Tage der Industriekultur nicht enttäuschte. Diese hatten da noch vor allem Volksfestcharakter mit Oldtimerfestzug und Gründerzeitmarkt. Seitdem hat sich einiges getan.
Inzwischen schicken sich die noch immer von der CWE organisierten Tage der Industriekultur an, eher Festival als Fest zu sein. Sie sind kleinteiliger und kultureller geworden. Öffnen Orte der Industriegeschichte ähnlich wie Begehungen und IBUG. In diesem Jahr wird es die Hartmannfabrik an der Hartmannstraße, zwischen Hartmannhalle und Hartmannplatz sein. Soll keiner sagen, früher war mehr Hartmann. Aber im Programm ist wenig von Dampflokromantik und Bratwurstduft geblieben.

Die TdIK bieten 2018 zwei Wochenenden mit drei Schwerpunkten: RAW meets Classics am Samstag, 15. September, Früh- und Spätschicht am Samstag, 21. September und das RAW-Festival vom 21. bis zum 23. Das RAW-Festival hatte seinen Namen vor zwei Jahren erhalten, als man im Reichsbahnausbesserungswerk, RAW residierte. Klang wohl fetzig genug, um den Namen auch an andere Orte mitzunehmen. Mit den Namen ist das auch bei RAW meets Classics so eine Sache, weil drin stecken zwei Konzerte mit Jazz und Tango (20 und 21.30 Uhr) in Kooperation mit der Sächsischen Mozartgesellschaft.

Früh- und Spätschicht sind im Kern die Traditionalisten unter den TdIK-Programmpunkten. Schon beim ersten Mal öffneten Museen und Unternehmer am Abend ihre Türen und (Werks-)Tore für Kulturveranstaltungen und Führungen. Das Kulturprogramm ist inzwischen ein wenig in den Hintergrund getreten, von 14 bis 22 Uhr gibt es vor allem Einblicke nach Art Tag der offenen Tür und Ausbildungsinformationen in verschiedenen Betrieben der Region. Seit einigen Jahren wurde die Frühschicht von 8 bis 16 Uhr eingeführt, um vor allem Kindergartengruppen und Grundschulklassen für Naturwissenschaft und Technik zu begeistern.

Arbeiter statt Architekten
Das RAW-Festival ist dann der Teil für die als „junge Leute“ bekannte Gruppe der 20- bis 55-jährigen Chemnitzer. Hier treffen sich Kunst, Kultur und Geschichte. Inhaltlich kuratiert wurde es in diesem Jahr vom Chemnitzer Kulturvielseiter Frank Weinhold, der unter anderem einst bei den jungen Kunstfreunden und kürzlich bei den Begehungen mitwirkte. Er schlug der CWE vor, Industriegeschichte einmal anders zu erzählen als über Maschinen, historische Bauten und Industrielle, nämlich über die Menschen, die in den Fabriken arbeiteten. Dabei ließ man ihm inhaltlich freie Hand – einen Freiraum, den er für ein breites Programm nutzte.
Neben Multimediaaustsellungen zum Proletariat zur Zeit der Industrialisierung oder Fotos und Poesie rund um die Arbeitswelt der DDR, gibt es darin auch bildende Kunst, die sich mit Menschen in der heutigen Arbeitswelt befasst, sowie zwei Lesungen von Autoren mit Erfahrungen im DDR-Produktionsbetrieb. Als sein persönliches Highlight nennt Frank Weinhold die Podiumsdiskussion am Montag, 17. September. Dort diskutieren Menschen aus Wissenschaft, Gewerkschaft und Industrie unter dem Titel dort  „Arbeit der Zukunft“ über soziale Perspektiven der sogenannten „vierten Revolution“.

Das Atomino stellt am Samstag, 22. September das Abendprogramm mit Trettmann um 20.30 Uhr und der Reich für immer Aftershow. Am Freitag zuvor wird’s nochmal historisch, wir blicken mit einer Headphonedparty zurück auf die Nullerjahre. Kanal 1 mit Shusta und Tannsen, Kanal 2 Elektrodance mit Cath Boo. Auch an den Nachmittagen des gesamten Wochenendes zeigt DJ Shusta den Besuchern seine Plattensammlung. Der Sonntagnachmittag stimmt zum Abschluss mit Arbeiterliedern und szenisch inszenierten Texten auf die Maloche am Montag ein. Endlich mal gutgelaunt in die Schicht! (MCH)

Das komplette Programm mit Uhrzeiten und Eintrittspreisen und so unter: www.industriekultur-chemnitz.de

Zurück