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Sackgassen zu Toren

Ausstellungsprojekt belebt öffentlichen Raum

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Skizzen und Bilder "Unter den Vogelbeeren"

Mit der Gestaltung des öffentlichen Raumes will das Ausstellungsprojekt GEGENWARTEN | PRESENCES die Auseinandersetzung der Stadt mit sich selbst künstlerisch anstoßen.

Der Sommer der Verschiebungen (so wird der offiziell in den Geschichtsbüchern heißen) ging auch nicht spurlos am seit langem geplanten stadtweiten Ausstellungsprojekt GEGENWARTEN | PRESENCES vorbei. Am 15. August soll es mit einem Soft Opening aber endlich losgehen.

GEGENWARTEN | PRESENCES ist ein Ausstellungsprojekt der Kunstsammlungen, das bis zum 25. Oktober im öffentlichen Raum von Chemnitz stattfindet und auf ebendiesen reagiert. Gezeigt werden Projekte von 20 internationalen Künstler*innen und Kollektiven, die sich in ihren ortsspezifischen Arbeiten – Interventionen und Skulpturen, Installationen und Performances – mit den jeweiligen gesellschaftlichen, politischen und urbanen Fragen der Stadt auseinandersetzen. Die Ideen dazu entstanden bereits im Sommer 2019 in einem Workshop, in dessen Rahmen die Künstler*innen Chemnitz besuchten.

Die Ideen, die nun umgesetzt werden, nutzen vor allem vorhandene Strukturen und Orte als eine Art Anker für die künstlerische und gestalterische Auseinandersetzung mit der Stadt, ihrer Geschichte und natürlich ihren Gegenwarten. Sie rücken dabei auch und gerade solche Orte ins Blickfeld, die wir als Passanten oft links liegen lassen. Etwa die Bretgasse, die zwischen Bahnhofstraße und Markt an der alten Post vorbei führt. Eine Art unansehnlicher Hinterhof mit Tiefgarage und Betonpflaster. Diesen Platz wollen die Landschaftarchitekten von atelier le balto mit Bepflanzungen und Aufenthaltsmöglichkeiten vom Durchgangs- zum Verweilort transformieren.

So ein Durchgangsort ist auch der Blinddarm der Brückenstraße, an deren Ende die namens­gebende Brücke durch einen Asphaltplatz und Parkplätze von der sozialistisch geplanten Infrastruktur getrennt wird. Hier will die nieder­ländische Künstlergruppe Observatorium mit dem Projekt Wandelgang ein Tor mit drei Portalen schaffen. „Wir versuchen, Raum zu schaffen für individuelle Erfahrungen inmitten von sozialen, ökonomischen oder ökologischen Zusammenhängen, sei es in der Dichte einer Stadtlandschaft, in einem öffentlichen Park oder im offenen ländlichen Raum. Schlussendlich halten wir es für notwendig, öffentliche Räume zu gestalten, die diese unterschiedlichen und getrennten Welten verbinden und Parameter für eine individuelle Erfahrung zu entwickeln“, beschreibt das Kollektiv seinen Ansatz. „Was beginnt am Ende, was hört am Anfang auf ?“, fragt ein Schriftzug auf den Toren hintersinnig.

Mit Worten wendet sich auch Mischa Kuballs Werkgruppe „public prepostion“ in iher Arbeit LOB DER MENSCHEIT an die Chemnitzer*innen. Ausgehend von der vierteiligen Reliefgruppe Lobgedichte, die zu Beginn der 60er an der Brückenstraße entstanden. Diese Skulpturen setzten dereinst Bertolt Brechts fünf Lobgedichte nach den Entwürfen von Joachim „Jo“ Jastram künstlerisch um. Das Gegenwarten-Projekt greift diese Arbeit in zwei Teilen auf. Einerseits mit einer offenen Bühne, die an der Brückenstraße aufgebaut wird und dazu einlädt, sie zu betreten. Dahinter stehen die Kernfragen: Was ist ein öffentlicher Raum und wem gehört die Stadt? Im Anschluss soll sich zeigen, ob und wie diese Bühne genutzt wird. Auch zum Projekt gehörend ist eine sich quasi selbst bespielende Bühne: die LED-Wand am Hauptbahnhof. Sie wird Auszüge ausgewählter Gedichte und Texte, u.a. von Bertolt Brecht, Jacques Lacan, Hannah Arendt und Paula Irmschler zeigen – eine breitbandige Auswahl, wurde letztere doch erst unlängst mit ihrem Chemnitz- Roman „Superbusen“ bekannt.

Bis Ende Oktober werden die Besucher*innen und Passant*innen so an Orten rund um die erweiterte Innenstadt entweder durch Kunst überrascht oder sie folgen einer Route, die sie von den Kunstsammlungen am Theater­platz durch und um die Innenstadt, über den Sonnenberg zum Chemnitzufer am Weltecho führt. Die Arbeiten folgen den verschiedensten Ansätzen und Sparten. Dabei sind unter anderem eine Komposition für das Carillon, Filmarbeiten (etwa ein Film nach dem Heym- Roman „Schwarzenberg“), ein beleuchtetes im Schlossteich versenktes Auto, die Umgestaltung der Bazillenröhre, Texttafeln, Plakatierungen und Galerien.

Informationen zum Programm gibt es voraussichtlich ab August unter: gegenwarten.info
Text: Michael Chlebusch

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