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Sound der Solidarität

Clubs gucken bei Corona-Hilfen in die Röhre. In Chemnitz hilft man sich nun gegenseitig.

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Leerer Kühlschrank im AJZ

Der Chemnitzer Clubszene geht es schlecht. Das ist nichts besonderes – der ganzen Clubszene in Deutschland, in Europa, ja in weiten Teilen der Welt, geht es schlecht. Angesichts von Nachrichten von Superspreading-Events, infektiösen Aerosolwolken und Singverboten scheint es unwahrscheinlich, dass ausgerechnet das Nachtleben bald wieder im Normalstatus stattfinden kann.

„Dieses Jahr werden wir wohl nicht mehr aufmachen,” verrät ein Chemnitzer Clubbetreiber, ohne genannt werden zu wollen. Man will ja den Teufel nicht an die Wand malen. Seine Ahnung scheint aber im Moment realistischer als andere Szenarien. In vielen Städten hatten sich schon im März Clubvertreter*innen zusammengefunden, um die Öffentlichkeit über die drohenden Insolvenzen aufzuklären und um gegenüber der Politik Forderungen zu formulieren. Teilweise war das auch erfolgreich, siehe Berlin und Leipzig, wo kleinere Hilfspakete den Szene-Protagonisten weiterhalfen. In Chemnitz fanden die Clubs aber weder zu einer gemeinsamen Stimme noch gab es nennenswerte Unterstützung für diese Kulturmacher*innen. Warum es hier länger gedauert hat, bis man sich fand, kann AJZ-Vorstand Kai Winkler auch nicht so richtig beantworten. „Komischerweise hat gar niemand wirklich erwartet, dass uns von offizieller Seite geholfen wird. Wir mussten uns schon immer selber helfen.” Als (Selbst)Hilfe in der Not bot sich eine bereits etablierte Organisationsstruktur an: Das Kulturbündnis Hand in Hand. Das entstand Anfang 2018 als Reaktion auf einen innerstädtischen Naziaufmarsch. „Seitdem fanden zwei weitere kulturelle Interventionen gegen Naziaktivitäten in der Stadt sowie mehrere Vernetzungstreffen statt. Dabei entschloss sich die Initiative über die politischen Aktionen hinaus auch als eine Interessengemeinschaft für die Chemnitzer Subkultur zu agieren,” heißt es auf der FB-Seite des Bündnisses.  

Einnahmen werden geteilt
Es gehe natürlich auch darum, die Interessen der Subkultur-Szene nachdrücklich in die Öffentlichkeit zu bringen, bestätigt Winkler, der als Mitglied im Chemnitzer Kulturbeirat auch den Stadtrat berät und nun auch Sprecher der Kulturbündnisses Hand in Hand ist. Aktuell liegt der Fokus aber auf Selbsthilfe und die Unterstützung der Clubs. Dazu wurde ein solidarisches Konzept erdacht. Ein Teil des Konzepts ist das Soliticket, welches online oder analog im City-Ticket-Shop erhältlich ist. Die hier generierten Einnahmen werden unter den Clubs aufgeteilt. Wie genau, gibt Kai Winkler zu, sei noch gar nicht so klar. „Darüber stimmen die Mitglieder des Vereins ab.”

Eine andere solidarische Aktion ist, dass die Locations mit großen Freisitzen (z.B. aaltra, Weltecho, Spinnerei) den Clubs ohne solche Möglichkeiten temporär Asyl gewähren. Konkret finden Indoor-Veranstaltungsformate nun Open Air statt, die Einnahmen teilt man untereinander auf. Auch die gute alte Tradition, sich nicht gegenseitig das Publikum auszuspannen, wird beibehalten. Als Beispiel nennt Winkler sein AJZ. „Wir haben ja einen großen Garten und könnten jetzt ebenfalls einen Getränkeausschank hineinbauen. Es gab aber nie einen Biergarten im AJZ und das soll auch zukünftig so bleiben. Nicht das wir es nicht bräuchten, aber wir würden anderen Gastronomen etwas von deren Geschäft wegnehmen. Das wäre das Gegenteil von Solidarität.”

Gemeinsame Werte
Zum Kulturbündnis Hand in Hand gehören aktuell die Clubs und Kulturzentren Aaltra, Arthur, Subbotnik, Atomino, Zukunft, Lokomov, Transit, Nikola Tesla, Odradek, AJZ, Spinnerei, Weltecho sowie Festivals wie das Fuego a la Isla und Begehungen. Weitere Interessenten könnten sich gern melden, sagt Kai Winkler und verdeutlicht: „Hand in Hand wandelt sich gerade zu einem eingetragenen Verein. Dieser Verein hat natürlich eine Satzung und darin ist die antifaschistische, antisexistische und antirassistische Basis, auf den sich der Verein gründet, festgeschrieben. Diese Grundhaltung ist der kleinste gemeinsame Nenner, auf den sich die Vereinsmitglieder verständigen müssen. Wer diese Grundhaltung teilt und umsetzt, kann auch bei Hand in Hand mitmachen.”

Trotz der aktuell schwierigen Lage blickt Kai Winkler optimistisch in die Zukunft. Für ihn soll das Kulturbündnis perspektivisch nicht nur zur Lobbyorganisation sondern selbst zum Kulturakteur werden. „Zusammen können wir viel mehr erreichen. Hinter dem Kulturbündnis Hand in Hand stehen Kulturmacher*innen mit Jahrzehnte langer Erfahrung. Booker*innen, Roadies, Caterer, technisches Personal mit Kontakten in die ganze Welt, dazu jede Menge Infrastruktur und Kenntnis der Chemnitzer Verhältnisse. Das wollen wir zukünftig zusammen ausspielen.”

Ob die gezeigte Solidarität ausreicht, um ein großes Clubsterben zu verhindern, wird die Zeit zeigen. Im Moment überwiegt der Optimismus beim Kulturbündnis. Grund ist wohl auch, dass es in Chemnitz schon immer schwer bis unmöglich war, einen Club gewinnbringend zu betreiben. Oder wie Kai Winkler dazu lachend meint: „In Chemnitz war es schon immer Scheiße. Die Situation jetzt ist eben anders Scheiße.”

facebook.com/handinhandchemnitz

stayhomeclub-chemnitz.de
city-ticket.de

Text: Lars Neuenfeld
Foto: Mark Frost

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