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Fernbeziehung mit der Kultur

Kulturstreaming in Chemnitz wird göoerdert

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Michael Chlebusch macht Filme. Für ihn gestreamte Kultur zumindest ein kurzfristiger Ersatz.

Ja, es ist nicht einfach, das, was Kunst und Kultur ausmacht, ins Fernmeldesystem zu portieren. Mitunter ist es aber eine willkommene Möglichkeit, um den eigenen Beruf oder Berufung neu zu denken. Wir haben drei Projekte via Fernsprecher zu ihren Erfahrungen befragt.

Die Stadt Chemnitz bietet seit Ende April und noch bis Ende Juni die Möglichkeit, aus dem Programm „In der Krise sichtbar und hörbar bleiben“ 1000 Euro für Projekte zu erhalten, mit denen Künstler*innen in Zeiten ausgefallener Live-Auftritte ihr Publikum erreichen. Jeder Antragsteller kann dabei zwei Maßnahmen beantragen. Dabei fühlt sich Verwaltung sogar auch zeitgemäß an. Das Ganze passiert online und es gibt auch ziemlich schnell Bescheid, wie man hört.

„Bis zum 25. Mai wurden schon 92 Anträge gestellt, von denen 84 bewilligt waren. „Die Förderungen gingen an insgesamt 52 Einzelkünstler*innen beziehungsweise Solo-Selbständige sowie an 18 gemeinnützige Vereine“, heißt es aus der städtischen Pressestelle, „angeführt von Bildenden Künstler*innen und Musiker*innen. Danach folgen Theaterschaffende, Film- und Medienschaffende“. Neben Überarbeitungen von Internetseiten gab es Geld für „Fenster- und Onlinekonzerte, Streams, Theateraktionen in Höfen oder vor Altersheimen oder die Produktion von Trailern oder Werbematerial.

Der Chemnitzer Band Iguana ermöglichte das Programm beispielsweise ein neues Musikvideo. Das wurde den Mitteln, Möglichkeiten und dem Zeitgeist entsprechend im Homeoffice gedreht. Die Musiker filmten jeder Schnipsel, Szenen, Bilder, die im Schnitt zu einem Video zum Song „Below the Hinterlands“ zusammenfanden, der im November auf dem Album Translational Symmetry erschien. Ein Ersatz für die ausgefallenen Tourtermine seit März ist das Ganze natürlich nicht. Vor allem im Sommer und bis in den Herbst wollte die Band live spielen. Die meisten Termine sind gecancelt oder werden es wohl noch, befürchtet Alex Lörinczy, Sänger der Band. Die Zukunft sieht er nicht so rosig: Viele Clubs, glaubt er, werden nicht überleben oder in der Lage sein, mit der Hälfte des Publikums auszukommen. Dabei sei das Touren für sie als Do-it-yourself-Band zum einen wirtschaftlich wichtig – auf Konzerten werden auch viele Platten verkauft – zum anderen auch wegen der sozialen Komponente, als Band zusammen zu kommen, unterwegs zu sein und Musik ganz anders zu spielen und zu arrangieren, als im Studio. Wichtig sei jetzt aber erstmal, gesehen zu werden, zu zeigen: „Wir sind noch da“. Dabei könne das Video helfen, sagt Alex.

Dem Fritz Theater half die Förderung, sein Format Chouchgeflüster umzusetzen. Ursprünglich dachte das Team über Live-Streams von Stücken nach, was aber die Anschaffung neuer Technik bedeutet hätte. Außerdem, sagt Isabelle Weh vom Leitungsteam, sehe abgefilmtes Theater meist auch nicht gut aus. So entstand die Idee, „Theatergeister“ – also all die Stückfiguren, die gerade unbeschäftigt im Haus rumhängen – zu Wort kommen zu lassen. Dahinter stand die Absicht, Gäste des Theaters bekannte Figuren wiedersehen zu lassen und neues Publikum zu erreichen. Statt mit einer schnöden Crowdfundingkampagne an die Öffentlichkeit zu gehen, hat das Fritz im Abspann einen Spendenaufruf des Fördervereins platziert. Immerhin rund 8.000 Euro kamen auf diese Weise zusammen. Und bestimmt auch genug Öffentlichkeit, für die geplante Wiedereröffnung. Ende Juni soll es für Kinder mit „Clownocchio“ losgehen, im Juli ist „Gatte gegrillt“ angedacht.

Mit so konkreten Zukunftsplänen kann das Atomino derzeit leider nicht dienen. Die Auflagen machen eine wirtschaftlich sinnvolle Wiederaufnahme des Club- und Konzertbetriebs schwierig. Das würde sich auch für Bands nicht lohnen, sagt Randy Fischer vom Trägerverein. Das Entgegenkommen des Vermieters GGG erhält zwar zur Zeit den Ort, das Personal habe es aber nicht gerade leicht. Den Freunden des Clubs bleibt derweil Atomino TV, das auch mit Geld aus dem Fördertopf produziert wird. Hier ist jedoch das Atomino in den meisten Fällen nur die Plattform für die Antragsteller, etwa den Fuego e.V. oder Gerrard Schueft mit seiner Kurzfilmreihe. So kam bisher eine ordentliche Sammlung aus Konzerten, Talks, DJ-Sets zusammen, die alle auch noch aus der Konserve bei Youtube zu sehen sind. Ein paar tausend Euro konnte das Atomino nicht zuletzt durch diese Sendungen an Spenden einwerben, die Werbung bei Youtube sei eher zu vernachlässigen. Im Sommer geht Atomino TV sogar raus, wird etwa im Juli aus dem Arthur-Fernsehgarten senden und vielleicht im August auch von den Begehungen. Zunächst gibt’s aber noch eine große Sendung drinnen: Am 19. Juni ist der Club Gastgeber des United We Stream.

Es bleibt dem schmachtenden Herz eine Erkenntnis: So eine Fernbeziehung mit unseren Lieblingskulturschaffenden kann schon ein kurzfristiger Ersatz in der Trennungszeit sein. Doch hoffen wir, dass wir sie bald wieder in die Arme nehmen können.

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