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Zwischen Trümmern und Träumen

Ausstellung zeigt erstmals den Chemnitzer Wiederaufbau nach 1945

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Chemnitz blieb im zweiten Weltkrieg lange Zeit verschont von größeren Bombenangriffen. Im letzten Jahr des Krieges jedoch, kamen in insgesamt zwölf amerikanischen und britischen Luftangriffen rund 4.000 Menschen ums Leben und das Stadtzentrum wurde fast vollständig zerstört. Von der einst florierenden Industriestadt blieben nur noch Trümmer. Dieses Jahr wird im Schlossbergmuseum anlässlich des 75. Jahrestags erstmals der Wiederaufbau der Stadt ab 1945 in den Mittelpunkt gestellt. Die Ausstellung „... und neues Leben blüht aus den Ruinen!” zeigt Fotografien, Kunstwerke und Dokumente aus den Jahren 1945 bis 1954. Der erste Teil der Ausstellung widmet sich der Vorkriegs-Stadt und der Zerstörung, der zweite Teil dem Wiederaufbau.

Nach dem zweiten Weltkrieg gab es weder finanzielle Hilfe aus dem Westen, noch notwendiges Baumaterial für den Wiederaufbau. Es war deshalb nicht möglich die Stadt in ihrer alten Form wiederaufzubauen. „Aber in Sachsen tüftelt man”, beschreibt Museumsleiter Uwe Fiedler den sächsischen Erfindergeist. Es wurde überlegt, wie Material und Schutt wiederverwendet werden könnte. So entstand der Zementersatz CH5, der sogenannte „Chemnitzer hydraulische Binder”. Durch die Idee der Gewölbebauten – bei denen die gewölbten Decken die tragende Funktion des Gebäudes übernehmen – konnten Wohnblöcke im großen Stil umgesetzt werden.
Die Besonderheit der Nachkriegszeit, die auch in der Ausstellung hervorgehoben wird, war der unerschöpfliche Optimismus der Bürger*innen. „Die Anfänge waren schwer, aber die Leute haben was gemacht. Man wollte eine bessere Welt schaffen”, veranschaulicht Herr Fiedler den damaligen Fortschrittsglauben. Ohne Gejammer haben alle angepackt, haben sich ohne fremde Hilfe an den Wochenenden zusammengefunden, um die Stadt wiederaufzubauen. Auch die Kultur kam zu keinem Zeitpunkt zum Erliegen. Nur wenige Monate später wurden wieder Theaterstücke aufgeführt, Ausstellungen gezeigt und Volksfeste gefeiert. Nach der Zerstörung wurde der grenzenlose Optimismus wahrscheinlich auch einfach gebraucht, erklärt sich Uwe Fiedler die Mentalität. In einem Nebenraum der Ausstellung zeigt der kurze Nachrichtenfilm „Eine Stadt hilft sich selbst” aus dem Jahr 1948 die Züge neuen Lebens und den positiven Blick in die Zukunft: „Diese Stadt kommt wieder”.

In der Ausstellung erlangt man anhand von Fotografien, Gemälden, Aufzeichnungen, Modellen, Filmen und Objekten einen ganz vielschichtigen Zugang zum Thema, erklärt Uwe Fiedler. Das meiste ist eigener Bestand des Museums, der mit der Zeit übernommen oder eingeworben wurde. In Beständen von Museen in den USA und England wurden zum Beispiel Bilder und Aufzeichnungen der Luftangriffe gefunden, die die Perspektive von oben dokumentieren. Der Kern der Ausstellung ist jedoch der große Fotobestand von Helmut Brückner, einem Chemnitzer Juristen, Künstler und Mäzen, der – als hätte er es geahnt – vor der Zerstörung alle Gebäude in Chemnitz fotografierte, die vor 1850 entstanden sind. Nach der Verwüstung dokumentierte er zudem den gesamten Wiederaufbau.

Die Sonderausstellung läuft noch bis zum 30. August 2020 und soll als Gelenk zur nächsten großen Ausstellung über die Postmoderne dienen. In circa einer Stunde lässt sich dabei viel Wissenswertes über die Chemnitzer Stadtgeschichte erschließen. Zudem ist das passende Buch „Chemnitz 1945 - Das Stadtbild vor und nach der Zerstörung” von Uwe Fiedler und Stefan Thiele im Museum zu erwerben.

Foto: © Helmut Brückner, 1944
Text: Nina Fitterling

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