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Das Restart Up

Geschichten nach dem Stream

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Als die Livegigs gingen, kam der Stream. Die Chemnitzer Techniktruppe hinter Atomino TV machte den Wechsel zum gefragten Geschäftsmodell.

Da war doch mal was. Wisst ihr noch, als sich Menschen in echt vor uns auf eine Bühne gestellt haben, die Gitarre um den Hals und im Publikum alle ihre schwitzenden Ellenbogen an den Bäuchen der anderen reiben konnten? Bei solchen
Anlässen gab es auch im Atomino Leute, die sich um die Veranstaltungstechnik kümmerten oder auf Tour mit BLOND dafür sorgten, dass Musik aus den Boxen kam. Das waren die Jungs von TD Media – bis es keine Livekonzerte mehr gab.

Schnell kam (nicht nur) das Atomino auf die Idee, einen Teil des Angebots neu zu denken und als Stream im Internet zu teilen. Das erste Internet-Atomino-BLOND-Konzert wurde an der Bar bei der letzten Atominokellerveranstaltung erdacht. So kam TD Media aus dem Klub in den Stream, wofür sie ihr Repertoire von Ton- und Lichttechnik schnell um Fachpersonal aus dem Videobereich erweiterten.

Heute sind Tim, Tim (ja sind zwei), Marcel, Elias, Daniel, Johannes und Gorbi ein Team, das mit Aufträgen und Equipment für Live-Streams gut eingedeckt ist. Die letzteren beiden studieren in Mittweida was mit Medien und kannten den Studiobetrieb schon aus der Uni. Zufällig besaßen die Filmteammitglieder auch alle Kameras vom selben Hersteller, was die Drehs und Postproduktion erleichtert. Neue Technik kam dazu, ein Transporter wurde für das kurzerhand zum Ü-Wagen umgebaut. Fertig war das Restartup. Mit dem schnellen Wechsel beziehungsweise Aufbau ihres Streaming-Geschäftsmodells haben sie die Zeichen der Zeit erkannt und eine Marktlücke erschlossen, die sich mirnichtsdirnichts vor ihnen auftat.

Nicht ganz unbeteiligt am Erfolg war auch der städtische Fördermitteltopf Kultur.Sichtbar, der es Bands und Kreativen mit kleinen Beträgen ermöglichte, in der Krisenzeit das längst aufgeschobene Musikvideo umzusetzen oder das ausgefallene Konzert nachzuholen. So wurde Atomino TV auch zu einer Plattform, die unter dem Klublabel eine Heimat für  verschiedenste Akteure und Formate bot. Mitten drin TD Media, die bald auch über Hörensagen Aufträge außerhalb der Reihe bekamen. Etwa das Event Chemnitz Grillt für Hand in Hand, ein Meniak-Webkonzert, Aufnahmen bei den Filmnächten und voraussichtlich die Begleitung des Filmfestivals Schlingel sind dabei. Dass nun auch Anfragen für Imagefilme dazu kommen, hilft dem Team, sich auf eine breitere Basis zu stellen. Denn das Ganze sei natürlich langfristiger gedacht und soll vom Neben-zum Haupterwerb werden.

Damit das Geschäft auch noch nach Corona klappt, wenn wir alle lieber wieder Livekonzerte wollen oder gemerkt haben, dass Streaming doch doof war. Vielleicht etabliert sich der Stream aber auch als Dreingabe zum Liveevent, so wie Homeoffice auf gutem Weg zur Ergänzung klassischer Büroarbeit ist. Praktisch nebenbei entsteht ja auch ein bleibendes Konzertvideo im Netz. Man könnte dann auf  schwitzende Ellenbogen verzichten, muss aber nicht.

Text: Michael Chlebusch Foto: Johannes Richter

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