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Umbrüche abklopfen

Multimedia-Biennale POCHEN

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Das POCHEN-Team 2020 (v.l.n.r.): Benjamin Gruner, Lucia Schaub. René Szymanski, Mark Frost, Maria Cuptior, Constanze Gröer, Philipp Nürnberger

Das POCHEN-Team 2020 (v.l.n.r.): Benjamin Gruner, Lucia Schaub. René Szymanski, Mark Frost, Maria Cuptior, Constanze Gröer, Philipp Nürnberger

Im Oktober findet zum zweiten Mal die Multimedia-Biennale POCHEN statt. Unter dem Titel „Preis der Zukunft“ arbeiten sich internationale und regionale Künstler*innen sowie „relevante Köpfe aus Wissenschaft und Gesellschaft“ am Thema Treuhand ab. Wie dieses nach wie vor heikle Thema angepackt wurde, wollten wir von Maria Cuptior und Mark Frost wissen.

Liebe Maria, lieber Mark, 2018 zur Premiere von POCHEN hatten wir ebenfalls einen Artikel dazu im 371, der mit einem Teamfoto bebildert war. Wenn man sich beide Fotos anschaut, fällt auf, dass nur eine Person noch identisch ist. Warum?
Mark: Das stimmt, aber auf dem Foto 2020 fehlt Frank Schönfeld, der noch dabei ist, aber eben nicht auf dem Foto. Und ich bin diesmal drauf, fehle auf dem 2018er Foto, obwohl ich damals auch schon zum Team gehörte. Aber ja, es gab einen großen personellen Umbruch.

Stand POCHEN mal auf der Kippe?
Mark: Nein, eigentlich nicht. Aber es ergab sich eben, dass einige aus dem alten Team ausscheiden wollten oder mussten, weil sie weggezogen sind. Die Biennale wird ehrenamtlich organisiert, da muss man das mit einrechnen. So ein neues Team ist schon nicht ohne, manchmal ist das auch anstrengend, weil man es ja wieder so wie vorher hinkriegen will oder sogar besser. Aber jeder bringt eigene Kompetenzen mit, wie Maria, die bei uns die sozialen Netzwerke betreut.

Wie bist du zum Festival gekommen?
Maria: Ich bin im letzten Jahr nach Chemnitz gezogen. Ich wollte mich irgendwo einbringen und so die Stadt kennenlernen. Ich kannte Mark und hab ihn gefragt, so bin ich bei POCHEN gelandet.

Auf dem Foto erkennt man, dass ihr alle eher U 40 seid. Mit dem Wirken der Treuhand, das 1994 endete, habt ihr also keine direkten Erfahrungen. Wie seid ihr an das Thema rangegangen?
Maria: Wir sehen uns selbst als Teil eines Rechercheprozesses, gemeinsam mit dem Künstlern und Künstlerinnen, den Instititionen aus der Gesellschaft. Es geht um die künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Thema und mit dem Blick auf die Zukunft.
Mark: Also ich bin mit 47 der älteste im Team und hab diese Wendejahre und das Wirken der Treuhand schon mitbekommen, aber nicht so ganz direkt. Vieles ist mir erst rückwirkend klar geworden. Ich finde es spannend, diese 30 Jahre zu betrachten, aber ich tu mich auch schwer damit.

Die Treuhand ist ein enorm emotionales Thema, fast alle Menschen im Osten haben dazu eine Geschichte zu erzählen. Habt ihr manchmal Angst zu scheitern?
Mark: Es muss ja nicht gleich scheitern sein. Aber es ist eben auch kein „liebes“ Thema, da müssen sich die Leute schon fetzen. Die Wismut, die wir 2018 thematisiert haben, war da tatsächlich einfacher, vor allem weil sie ein abgeschlossenes Thema war. Die Treuhand und deren Wirken sind noch immer präsent. Wir stehen da mittendrin. Ja, ich hab da schon Angst. Du? (schaut Maria an)
Maria: Ich komme nicht aus Deutschland, ich bin 2015 aus Transnistrien hierher gezogen. Ich kannte zwar diese Wendegeschichte und DDR und so, aber ich hatte noch nie etwas von der Treuhand gehört. Ich bin 27 und wie mir geht sicher vielen jüngeren Menschen. Ich finde es deshalb megawichtig, dieses Kapitel der Geschichte aufzugreifen. Klar kann man damit scheitern, aber mutig scheitern.
Mark: Scheitern ist wahrscheinlich auch das falsche Wort. Wir sind kein Geschichtsverein, dass wird keine historische Ausstellung. Wir haben ein Ziel und wollen nicht die großen Lehrmeister sein. POCHEN beschäftigt sich ja generell mit Umbrüchen und das muss nicht immer mit dem Blick nach hinten geschehen. Umbrüche sind ja auch aktuell sichtbar, wenn das Klima abkackt oder der Verkehr kollabiert. Auch jetzt sind wir wieder an so einem Punkt des Umbruchs, der einhergeht mit Unsicherheiten und Unklarheiten. Die Dinge wiederholen sich eben. Am Ende soll aber eine positive Einschätzung der Biennale stehen.

Wie kann eine positive Einschätzung bei einem Thema entstehen, dass 99 % der Ostdeutschen als negative Erfahrung empfinden?
Maria: Für mich wäre es schon extrem positiv, wenn die Besucher und Besucherinnen über die politische und gesellschaftliche Ebene der Treuhand nachdenken und möglicherweise die Menschen die hier leben, besser verstehen.

Erzählt uns noch was zu eurem Konzept in diesem Jahr. Es ist ja nicht nur eine Ausstellung.
Mark: Richtig, in der großen Halle im ehemaligen Wirkbau wird die von Sabine Maria Schmidt und Olaf Bender kuratierte Ausstellung zu sehen und zu hören sein.
Maria: Sie ist multimedial, es gibt Foto, Musik, Installation, Klang, es wird sehr spannend. Gegenüber wird der zweite Ausstellungsteil sein, den wir zusammen mit dem Museum für Werte aus Berlin erstellen. Hier können Menschen anhand eines konkreten Objekts ihre persönliche Geschichte zur Treuhand darstellen. Wir bespielen aber noch weitere Orte in der Stadt, dass smac, das Tietz oder die ehemalige Fettchemie zum Beispiel.
Mark: Darüber hinaus gibt es natürlich noch ein Programm mit Talkrunden, Führungen, Filmen usw..

Letzte Frage: Als Kulturmacher*innen habt ihr sicher auch das Chemnitzer Bidbook studiert. Wie findet ihr es? Wird das reichen?
Mark: Dieses Bidbook setzt alles auf eine Karte. Es ist eine beeindruckende Ansage. Ich finde, so wie es ist, ist es gut. Und ich hoffe natürlich, dass die Jury das auch so sieht.
Maria: Ich empfinde dieses Bidbook als vom Herzen gemacht. Es zeigt für mich das Chemnitz, das ich kennen gelernt habe. Und deshalb bin ich auch voll überzeugt davon, dass Chemnitz gewinnen wird.

22.10. - 01.11.2020, Wirkbau Chemnitz (und andere Orte), pochen.eu

Interview: Lars Neuenfeld Foto: Mark Frost

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