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Lieber Herr Kummer,
immer öfter hört man auch in Chemnitz vom Phänomen des sogenannten Hipsters. Offenbar genießt diese neue Jugendgruppe in der Öffentlichkeit jedoch kein hohes Ansehen. Noch irritierender ist der Umstand, dass die als Hipster bezeichneten sich dieser Gruppe gar nicht zugehörig zu fühlen scheinen. Was ist dieser Hipster eigentlich? Darf man einer sein? Oder sollte man dies tunlichst vermeiden?
Vielen Dank für diese interessante Frage. Lesen wir zur Einstimmung, was der große Sowjetdichter Majakowski über die Jugend schrieb:
Nein nicht jene sind jung die gelümmelt ins Boot und auf Wiesen
mit Gröhlen und Johlen den Trunk sich hinter die Binde gießen.
Nicht jene nenne ich jung, die nachts, unter Frühlingshimmeln,
als Modenarren mit Schwung glockenhosig am Bummelplatz bimmeln.
Nein, nicht jene sind jung, die des Lebens Frührot-Freuden
beim frühsten Knospensprung in Liebschaften billig vergeuden.
[...]
Jung nenne ich jene unverzagt, der zur gelichteten Kampfschar der Alten im Namen der Nachgeborenen sagt: `Wir werden das Dasein neu gestalten!`
[...]
Was sind Hipster?
In der Berliner Forschungsstelle „Archiv der Jugendkulturen“ wird diese Strömung bislang ignoriert. Eine historische Definition findet sich aber in den USA. Hier entstand das klassische Hipstertum in den 20er Jahren. Als „hep cats“ wurden Leute bezeichnet, die sich mit der aufkeimenden Jazz-Kultur identifizierten. Aus hep, so eine Theorie, wurde hip, bis der Begriff Hipster weitreichende Popularität durch den Boogie-Pianisten Harry "The Hipster" Gibson erlangte.
Heute sind Hipster keine Jazzfans, sondern junge modebewusste Leute, die sich in Röhrenjeans quetschen, Nerdbrillen tragen, sich asymetrisch frisieren und komische Bärte tragen. Sie sind ein bißchen androgyn, aber keine Softies. Sie sind Musikinteressenten, aber keine Fans. Sie geben sich radikal, aber hängen an ihren Privilegien. Es ist eine rein ästhetische Jugendkultur, ohne Ideologie oder gesellschaftliche Ziele. Hipster lieben ausschließlich das stylische Herrschaftswissen, das sie vom ahnungslosen Provinz-Normalo abgrenzt. Schwierig wird es, wenn H[&]M plötzlich Jutebeutel und Trucker Caps verkaufen oder Guido Westerwelle und Alexander Dobrindt Hornbrillen tragen. Nun droht der coole Status des Bescheidwissers verloren zu gehen. Der Hipster muss schnell zum nächsten Objekt hetzen, bevor die Massenkultur es vereinnahmt. Sein Geschmack muss als erstes anzeigen, was nun cool ist. In einer von Krisen und Umbrüchen geschüttelten Welt wirkt das natürlich etwas oberflächlich und deshalb streitet der Hipster energisch ab ein solcher zu sein.
Heutzutage darf der Jugendliche eigentlich alles sein. Wenn man Abgrenzung, Narzissmus und ein Gefühl der Überlegenheit mag, auch ein Hipster. Ob einem das gefällt, ob man so etwas vermeiden möchte, sollte jeder für sich selbst beantworten.
Die Zeit anzuhalten, vermag ohne Zweifel auch der flotteste Hipster nicht, irgendwann verwandelt er sich in einen der Lohas ( Lifestyle of Health and Sustainabillity ) und später zwangsläufig in einen Best Ager und Mitglied der Silver Generation.
[nbsp]Erschienen in der Ausgabe 11/12
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